Gletschereis versus Meereis, was ist was? Wie entsteht das? Bilder, Definitionen und Stories übers Eis

 

In vielen Fernseh- und Reiseberichten ist mir aufgefallen, daß die Begriffe vollkommen durcheinander gehen. Am liebsten wird für den Oberbegriff "Meereis" fälschlich der Begriff „Packeis“ gewählt. Daher will ich hier mal eine kleine Eiskunde aufschreiben und entsprechend unserer 25-jährigen Eiserfahrung in Arktis und Antarktis bebildern. Fangen wir mit dem Meereis an.

 

              

Übereinandergeschobene Schollen bilden das "Packeis", was immer dicker ist, als das etwa einen Meter dicke Meereis, aus dem es sich mit Hilfe von Wind und Strömung bildet. Hier im Sommer bricht das Packeis auf, es bilden sich zunächst Eisschollen, die weiter abschmelzen. Im Weddellmeer, aus dem diese Aufnahmen aus dem Jan. 1996 stammen, verschwindet das Meereis nur in den nördlichen Bereichen über Sommer. Die Schollen bilden dann bevor sie ganz auftauen das sog. "Treibeis". Im Winter friert alles wieder zu. Im südlichen Weddell Meer frieren die Schollen wieder zusammen und bilden mehrjähriges Meereis, das wiederum zu Packeis zusammengeschoben werden kann. Unser Eisbrecher "Khlebnikov" schafft maximal drei Meter dickes Eis zu brechen...    Fotos: © Achim Kostrzewa (Weddell Meer 1995/96)

Auf dem durchgängigen Meereis bilden sich im Frühjahr zunächst Schmelzwasserflächen, dann zerbricht es vom Wind und Strömung getrieben in Schollen, die dann dem Tauen mehr Angriffsfläche bieten.   Foto: © Achim Kostrzewa, Nordwest Grönland 7/2007

 

Meereis

Besteht aus Salzwasser, bei dem im Gefrierprozess das Salz heraus gedrückt wird. Bei 33-36 Promille Salzgehalt des Meerwassers beginnt der Gefrierprozess bei etwa minus 1,8°C.

WICHTIG: Meereis bildet sich aus vorhandenem Meerwasser, daher trägt es beim Auftauen NICHT zur Meeresspiegelerhöhung bei !

 

    Folie aus unserem Vortrag "Eis"

 

·        Zunächst bilden sich bis zwei cm große Eisnadeln und -plättchen.

Dann kommt es darauf an ob die See ruhig oder bewegt ist.

In unsere alten Fahrrinne bildet sich Schwarzeis, das bei minus 20° Lufttemperatur schnell weiter gefriert, teilweise zerbricht und vorübergehend zu "Fingereis" wird.    Foto: © Achim Kostrzewa 10/2018

 

·        Bei ruhiger See bildet sich Eisschlamm und dann eine dünne Schicht Schwarzeis.

·        Bei bewegter See brechen die dünnen Eisschichten immer wieder auf und stoßen an den Kanten zusammen

o   Es bildet sich das charakteristische Pfannkucheneis, das an den Kanten von den dauernden Kontakten mit den benachbarten Pfannkuchen schon aufgewölbt ist.

o   Diese Pfannkuchen können bis zu drei Metern Durchmesser erreichen. Dabei beruhigt sich die Oberfläche des Meeres immer mehr und die Pfannkuchen frieren schließlich zusammen und bilden große Schollen oder eine geschlossene Eisfläche.

 

 

Pfannkucheneis mit Eisschlamm dazwischen. In der Bildmitte ein Streifen offenes Wasser. Foto: © Achim Kostrzewa 10/2018

 

Pfannkucheneis vor dem Bug der Khlebnikov, dahinter Eisschollen, die teilweise schon zusammen gefroren sind. Dazwischen Schwarzeis.    Foto: © Achim Kostrzewa (10/2018,Weddell Meer)

 

o   Diese Eisfläche friert bei entsprechend tiefen Temperaturen weiter von oben nach unten durch

 

 

 

o   Trotzdem war das Nordpolareis, die Meereiskappe, noch in den 1950er Jahren nach Messungen des US-amerikanischen Atom U-Bootes Nautilus 3-4 Meter dick. Wie kommt das ? Die Mondphasen, Wind, Wellen und die Strömung lassen das Eis immer wieder in mehr oder weniger große Schollen zerbrechen. Diese werden dann übereinander geschoben und frieren wieder fest zusammen:

o   es bildet sich Packeis. Dort, wo verschiedene Packeisschollen aneinanderstoßen,

o   bilden sich kleine „Gebirge“ aus Eis. (Analog den Gebirgen, die durch die Plattentektonik entstanden sind, wie z.B. der Himalaja, als der indische Subkontinent auf die eurasischen Platte stieß). Wir haben nun Presseis. Dieses Presseis kann lange bis 10 Meter hohe Eiswälle ausbilden, die für Fußgänger, Schlittenhunde und Motorschlitten nur schlecht zu überwinden sind. Der Nordpolwanderer Wally Herbert berichtete von seinem Marsch von Nordalaska aus zum Nordpol von fast unüberwindbarem Packeis mit zahlreichen Presseisbarrieren und –feldern über die er seine Hundeschlitten zusammen mit den Hunden zerren mußte.

 

Einjähriges Meereis mit einer offenen Stelle links, die man Polynja nennt, rechts ein eingefrorener Eisberg. Das Meereis ist vielfach gebrochen und hat an den Stoßkanten kleine Presseiswälle gebildet. Übersicht aus dem Hubschrauber. Da die Schollen aber nicht übereinander geschoben sind, haben wir KEIN Packeis. Die Eisdicke beträgt ungefähr einen Meter.   Foto: © Achim Kostrzewa 10/2018

 

Im Oktober (also zeitiges Frühjahr) im Weddellmeer: das Meereis ist vielfach gebrochen und hat an den Stoßkanten Presseiswälle gebildet. Übereinandergeschobene Schollen bilden "Packeis", was immer dicker ist, als das Meereis aus dem es sich mit Wind und Strömung bildet. Etwas anderer Blickwinkel vom Schiffsdeck aus, als das Bild darüber, abends nach Sonnenuntergang.  Foto: © Achim Kostrzewa 10/2018

 

Zu Fuß wandern wir entlang von kleineren Presseiswällen über das Meereis. Die Schollen türmen sich bis in die Senkrechte auf.   Foto: © Achim Kostrzewa 10/2018

 

o   Dann gibt es noch Festeis, das ist ebenfalls normales Meereis, was beispielsweise auf Grund liegt oder doch zumindest auf einem Strand aufliegt oder am Ufer festgefroren ist, wie z.B. das Eis unter der Kaiserpinguin Kolonie vor der südlichen Küste von Snow Hill Island im Wedell Meer.

 

Einjähriges Meereis am Ufer von Snow Hill Island. Am Strand wird das Eis zu Presseiswällen vom Wind und der Strömung aufgetürmt.  Foto: © Achim Kostrzewa 10/2018

 

Wally Herbert erreicht zu Fuß und mit Hundeschlitten 1969 den Nordpol

Wally trafen wir zwischen Weihnachten und Neujahr 1995/96 auf den Südshetland Inseln auf King George Island, dort auf der polnischen Arktowski Station. Wir nahmen ihn an Bord der World Discoverer einige Tage mit bis zur ehemaligen britischen Faraday Station (heute Vernadsky). Es war üblich, daß sich die Leute für ihren Lift mit einem Vortrag bedankten: Wally berichtete über seine Erfahrung auf der Trans-Arktis-Expedition (1968-69) von Alaska nach Spitzbergen, die seine Gruppe am 6.April 1969 auch über den Nordpol führte. Hier erreichte er zusammen mit drei Kameraden und vier Hundeschlittengespannen den Nordpol als erster zu Fuß, ohne technische Hilfsmittel. Bereits ein Jahr zuvor war eine Gruppe mit Schneemobilen und Treibstoffversorgung aus der Luft von Grönland aus zum Nordpol gefahren. Wally berichtet eindrücklich, wie schwierig die Eissituation damals war: sie mußten die Hunde samt ihrer schweren Schlitten mehrmals am Tag über hohe Presseisrücken  zerren. Von den mehr als 5.000 km Arktisüberquerung waren ca. 1.000 km vom Presseis geprägt, eine ungeheure Strapaze. Wir haben uns an der Bar noch länger unterhalten. Als ich später das Buch gelesen habe (1995 war ich noch ein Greenhorn bez. der Geschichte der Erforschung der Pole), wurde mir erst richtig klar, was das für eine Leistung war, über die dieser großartige Mann uns in aller Bescheidenheit berichtete.  1979-81 versuchte er mit Hundeschlitten und Umiak Grönland zu umrunden, dies scheiterte mehrfach am schlechten Wetter. Sir Walter William Herbert verstarb 2007 im Alter von 72 Jahren (Shipmate Wally r.i.p.).

 

  

Foto:  Achim Kostrzewa,     Selbstportrait von Wally Herbert ganz im heroischen Stil des 19. Jahrhunderts  © Kari Herbert

Wally Herbert auf der polnischen Arktowski Station.                Foto:  Achim Kostrzewa (12/1995)

 

Atom-U-Boote 1958 am Nordpol

Das erste US-Atom U-Boot, die USS Nautilus war schon 1958 auf den Weg zum Nordpol. Ihre geschichtsträchtige Polarreise (Operation Sunshine),  begann am 1. August in der Nähe von Point Barrow (Alaska). Dort ging sie auf Tauchstation, und am  4. August 1958, erreichte sie als erstes Schiff den geografischen Nordpol (Point Barrow – Nordpol 2.072 km/1.287,48 Meilen). Nach 96 Stunden und 1.830 Meilen unter dem Eis tauchte sie nordöstlich von Grönland wieder auf und hatte damit die erste erfolgreiche Unterquerung des Nordpolareises abgeschlossen. Das war als eine typische Drohgeste des Kalten Krieges gegenüber der Sowjet Union zu verstehen: wir können Euch vor Euren Küsten jederzeit ohne Gegenwehr atomar bombardieren, also laßt uns in Ruhe!

08. August 1958 -  Die USS Skatt (SSN-578), das zweite U-Boot der Vereinigten Staaten, das den Nordpol erreicht, hatte eine Reihe von Unterwasserstudien im Artischen Ozean durchgeführt. Das nuklearbetriebene U-Boot verbrachte 30 Tage 14 Stunden und reiste insgesamt 2,405 Meilen unter dem Packeis. Sie tauchte neun Mal während dieser Zeit auf, als sie ihrem Zick-Zack-Kurs unter dem Nordpolareis folgte. Wir verdanken ihr die ersten Eisprofile des Meereises, das damals noch 3-4 Meter dick war.

Foto: Im Juli 2008 tauchte die USS Providence (SSN-719) am Nordpol auf, um das 50-jährige Jubiläum der ersten Nordpolunterquerung durch die USS Nautilus (SSN-571) zu feiern. Im Herbst 2008 hatten die Temperaturen mit 5 Grad über dem Normalwert einen neuen Wärmerekord für den Nordpol um diese Jahreszeit erreicht, so der Bericht der amerikanischen Wetter- und Ozeanbehörde NOAA. (Official US Navy Foto)

 

 

Gletschereis

Besteht aus Süßwasser bzw. Schnee. Bildet sich unter kalten Bedingungen im Hochgebirge, klassischerweise in einer Mulde in einem Berghang, die Kar genannt wird. Wenn diese vollgeschneit ist und sich an ihrem Grund bereits eine Eislinse gebildet hat, wird das Eis immer mehr, bis es über den Rand der Mulde läuft und eine Gletscherzunge bildet. Weitere Schneefälle und Eisbildung lassen den Gletscher immer weiter anwachsen, bis er im Tal ankommt. Dort kann er auch getrieben vom Druck des Eises am Berghang weiterlaufen bis er in einen See oder ins Meer gelangt. In der Antarktis, wo es dauerhaft besonders kalt ist, schwimmen die Gletscher dann auf dem Meer auf und bilden Schelfeis.

Westküste der Antarktischen Halbinsel: Blick von Peterman Island auf das antarktische Festland und seine Gletscher. Charakteristisch ist der 880 Meter hohe Mount Scott an der Graham Küste. Foto: ©  Renate Kostrzewa 12/2005, Panorama-Bearbeitung aus Einzelbildern Achim Kostrzewa

 

Überflug über die Grönländische Eiskappe - eine Gletscherzunge in Bildmitte, die von mehreren Gletschern gespeist wird, fließt ins Meer und zerfällt dort in Eisberge. Aus der Schiffsperspektive sieht das ganz anders aus - von hier sieht man hauptsächlich die 15 - 20 Meter hohe Abbruchkante des Gletschers.  Fotos: © Renate Kostrzewa, jeweils Juli 2005 und 2007, es sind zwei verschiedene Gletscher abgebildet.

 

Gletscherbildung, eine kleine Gletscherkunde:

Die einfachste Gletscherbildung kann man im Gebirge oberhalb der Schneegrenze beobachten: In ein Kar (siehe Foto) fällt jährlich mehr Schnee als im Sommer wegtaut, der Schnee wird immer mehr und im Laufe der Jahre zu Eis. Wenn der Trog voll ist, läuft das Eis über und langsam den Hang hinab. Wir haben einen kleinen Gletscher, der immer länger und mächtiger wird, solange im "Nährgebiet", also oben wo der Schnee fällt, mehr Eis gebildet wird als unten über Sommer wieder wegtaut. Das ist das beliebte Lehrbuchbeispiel für Anfänger in der Glaziologie. Kargletscher bleiben notwendigerweise klein, weil ihr Nährgebiet sehr begrenzt ist. Stellen wir uns das Ganze einige hundertmal größer vor und vor allem auch viel älter. Viele Gletschereisgebiete stellen Reste der letzten Eiszeit(en) dar. Das erste davon, was wir in Europa 1984 besucht haben, war der Jostedalsbreen in Norwegen, gelegen in den Skanden, dem großen skandinavischen Gebirge. Das Gebiet ist heute noch über 400 km2 groß und speist drei Gletscherzungen. Besucht haben wir davon mehrfach Briksdals- und Jostedalsbree. In den 1990er Jahren kamen wir auch in die Rocky Mountains. Hier ist das größte Eisfeld in Kanada gelegen: das noch gut 300 km2 große Columbia Icefield, was gut im Jasper Nationalpark besucht werden kann: die Zunge des Athabaska Gletschers läßt sich sogar mit einem speziellen Bus befahren, wie wir das auch aus Island z.B am Langjökul kennen. Das dritte große Eisfeld liegt in den südlichen Anden: das südliche Patagonische Eisfeld ist mit >12.000 km2 wesentlich größer. Die westlichen Zungen münden ins Meer und man kann sie vom Schiff und Zodiac aus bewundern. Die östlichen in mehrere Gletscherrandseen, die man mit Ausflugsbooten befahren kann. Bekannt sind z.B. der Perito Moreno Gletscher und auch der Upsala oder Viedema Gletscher. Auf der Ostseite haben wir den Pius IX vom Kreuzfahrtschiff aus mit dem Zodiac besucht. Weiter südlich liegt in Feuerland die Darwin Kordillere mit dem Garibaldi Gletscher, der auch noch bis ins Meer reicht. Weitere Gletscher kommen in den großen Gebirgen vor, den Alpen, Pyrenäen, Sierra Nevada (in Südspanien), natürlich auch dem Himalaja usw. vor. Allen gemeinsam ist: sie verlieren seit den letzten 50 Jahren durch den Klimawandel an Masse und Ausdehnung.

 

Typisches Kar im "Langen Fjord" von Westgrönland. Drei Felswände leiten den Schnee in eine Mulde, die zur vierten Seite offen ist. Die Mulde speichert der Schnee auch über Sommer, (wir befinden uns hier genau auf dem nördlichen Polarkreis), der wird zu Eis und es bildet sich ein Gletscher, wenn genug Schnee und Eis in der Mulde ist um sie zum Überlaufen zu bringen und immer genug Nachschub kommt.  Foto: © Achim Kostrzewa 2017, Kangerlussuaq, West Grönland

  

Links: größerer Kargletscher, aber weitgehend abgetaut. Man sieht viel freigelegtes Grundmöränenmaterial. Rechts: Abgetaute Gletscherzunge, die von der Grönländischen Eiskappe herunter in den "Langen Fjord" geflossen ist. Heute erreicht sie das Meer nicht mehr. Man sieht gut die Schotterflächen der Grundmoräne und die Reste der Seitenmöränen. Fotos: © Achim Kostrzewa 1996, Jasper NP, Kanada und 2017, Kangerlussuaq Fjord, West Grönland

 

Athabasca Gletscher mit Gletscherzentrum. Die 6 km lange Gletscherzunge hat in den letzten 125 Jahren 50% ihres Volumens und 1,5 km ihrer Länge verloren. Ich stehe hier auf dem Schotter der Grundmoräne. 

 

Übersicht über den Columbia Gletscher und seinen Rückgang zwischen 1980 und 2001. Foto: © Achim Kostrzewa 2005 Tafel im Gletscherzentrum, Jasper NP, Parks Canada

 

Klimawandel - die Gletscher schmelzen

Bislang haben wir Gletscher, ihre Entstehung und geografische Verteilung betrachtet, so ziemlich allen gemeinsam ist: sie verlieren an Masse und Ausdehnung! Wenn sich ein Gletscher seinen von der Schwerkraft vorgegebenen Weg ins Tal bahnt, kann ihm außer sehr stabilem Fels kaum etwas widerstehen. Er zerbröselt auf seinem Weg Gestein und es entsteht so Moränenmaterial am Grund, den Seiten und am Ende der Gletscherzunge. Und so heißen sie denn auch: Grund-, Seiten- und Endmöräne, um die wichtigsten zu nennen. 

Mit dem Allradbus auf dem völlig vernebelten Langjökull unterwegs. Die oberen 20cm Eis sind weich und matschig, sodaß wir nur an etwas härteren Stellen aussteigen können. Außerdem gibt es zahlreiche Schmelzwasserrinnen auf dem Eis. Es ist sehr schade, das die Sicht so schlecht ist. Foto: © Achim Kostrzewa 2017

Die Gletscherzungen ziehen sich vom Meer zurück. Von rechts nach links läuft immer weniger Eis von der Eiskappe runter. Die mächtige Grundmoräne und die Seitenmoränen von vier Gletscherteilen liegen frei.  Foto: © Achim Kostrzewa  2015, Kangerlussuaq Fjord, West Grönland

 

90 - 9 - 1

Die Formel für das Süßwassereis beschreibt die Gletschereisverteilung auf unserem Planeten: 90% auf dem Antarktischen Kontinent, 9% auf der größten Insel der Welt - Grönland und nur 1% in den sonstigen Gletschern in den Gebirgen oder auf Inseln wie Island und Spitzbergen. Wenn das alles mal geschmolzen ist, ist Köln Küstenstadt und wahrscheinlich Deutschlands größter Hafen. Berlin als Hauptstadt längst abgesoffen (34m ü.NN.) und Bonn kommt zu neuen Ehren. Allein, wenn bis zum Ende des 21. Jh. der Meeresspiegel um nur 2 Meter steigt, verlieren wir große Teile der am dichtesten besiedelten Flächen unserer Zivilisation auf sechs Kontinenten.

 

Schwimmende Gletscher - Schelfeis

Außer diesen Eisfeldern gibt es auf der Nordhalbkugel noch große Vereisungsgebiete in Island und Spitzbergen und natürlich Grönland mit der zweitgrößten Eisausdehnung und Eismenge nach der Antarktis. Gletscher, die so groß sind, daß sie großflächig auf den Meer aufschwimmen gibt es einige kleinere in Grönland und viele Große in der Antarktis. Die Besonderheit der Antarktis liegt zum einen darin, das dies ein ganzer, sehr großer Kontinent ist, der zu 98% von Eis bedeckt ist. Dieses Eis setzt sich an einigen Stellen im Meer fort: man bezeichnet diese Schwimmenden Gletscher als Eisschelf, das Eis selbst als Schelfeis und die abbrechenden großen Eisberge sind meist Tafeleisberge, erkennbar an ihrer glatten Oberfläche.

 

Der Elefantenfuß-Gletscher in Nordost Grönland aus der Luft: Man sieht genau wie die Gletscherzunge ins Meer fließt, dort aufschwimmt und ein kleines Eisschelf bildet. Da wir leider keine Flugaufnahmen als Übersicht aus der Antarktis haben, muß dieses Bild aus Grönland als Beispiel herhalten.    Quelle: Netz

Vom Schiff aus betrachtet sieht das denn in etwa so aus: die etwa 40 Meter hohe Kante des Larsen-C Eis-Schelfs, bevor es 2017 auseinandergebrochen ist. Foto: © Achim Kostrzewa 2002

Tafeleisberge aus dem Larsen-C Eis-Schelf.   Foto: © Achim Kostrzewa 2/2020

Tafeleisberge aus dem Weddell Meer treiben bis nach Südgeorgien. Hier am Drygalski Fjord.   Foto: © Achim Kostrzewa  11/2008

 

Landgletscher haben oft eine stark zerklüftete Oberfläche vom Abfluß über viele Hindernisse. Tafeleisberge in der Antarktis sind da oft weniger geschunden und behalten so im oberen Teil eine sichtbare Eisschichtung, die den jährlichen Schneefall in einer komprimierten Bänderung bei richtiger Beleuchtung sichtbar macht.

Oben: Eisberg vom Kaniagletscher in ursprünglicher Lage - man sieht sehr gut, wie zerklüftet seine Oberfläche auf dem langen Weg vom Inlandeis bis zum Meer geworden ist. (2017)

Unten: Tafeleisberge in der Antarktis; man sieht im Streiflicht wunderbar die Schichtung des Schnees aus dem dieses Gletschereis entstanden ist.  Fotos: © Achim Kostrzewa, 2008

 

Das Schelfeis schmilzt

Wie schnell der Eisabbruch läuft, zeigt die Auflösung des Larsen A-B-C-D Schelfeises (hier nur bis 2005 dargestellt): Die entstehenden Eisberge zerbrechen und treiben in den Weddell Wirbel, der sie bis nach Südgeorgien befördert. Auch auf der gegenüberliegenden Seite in der Ostantarktis beginnt das ewige Eis zu schmelzen, von dem man noch vor 10 Jahren behauptet hat, es wachse! Stimmte aber nicht, wie NASA Messungen belegen...

  

Links: die Auflösung des Larsen A-B-C Schelfeises                           Rechts: Auch in der Ostantarktis verlieren die Gletscher deutlich an Masse! (vgl. Rignot et al. 2019)

Änderung der Oberflächenhöhe 2010-2017 in m/Jahr. Rot: Abnahme, blau: Zunmahme der Oberflächenhöhe; schwarze Linien: Abgrenzung der Abflussbecken, gestrichelte Linie: Abgrenzung des Gebietes mit sehr geringen Niederschlägen; grau: Schelfeis; Beschriftung: blau = Randmeere, schwarz = Schelfeis, weiß = wichtige Auslassgletscher

 

  

Weg des Rieseneisbergs A-68 vom Larsen-C Shelf bis vor Südgeorgien. Im Dezember 2020 ist der Eisberg teilweise auf Grund gelaufen und hat sich um 90° gedreht. Die Experten hoffen, daß er an der Südostspitze von Südgeorgien vorbei driftet.  Foto+Grafik © ESA Am  4.Jan.21 (rechts): A-68 ist in mehrere kleinere Stücke zerbrochen und driftet wirklich mit der Hauptströmung südöstlich an Südgeorgien vorbei.

 

Das Larsen Schelfeis steht symbolisch für die Situation in der westlichen Antarktis, geologisch auch "Inselantarktika" genannt, weil hier das Eis nicht auf dem Kontinent, wie in der Ostantarktis aufliegt, sondern nur verschiedene unter dem hier nur meist 500 Meter dicken Eispanzer liegende Inselketten miteinander verbindet. Das hat zur Folge, daß diese geringere Masse von der erhöhten Temperatur, von unten also meerseits, UND von oben durch die erhöhte Lufttemperatur (im Sommer + 10°C gegenüber den Werten von vor 40 Jahren, Rignot et al. 2019) angegriffen wird. Die Situation ist damit ähnlich wie in Grönland, wo es oben im Sommer auf das Eis regnet, statt zu schneien und von unten der Boden unter dem Eis von einem Hotspot erwärmt wird. Im Gegensatz dazu ist der zentrale Eispanzer über dem Antarktischen Kontinent im Mittel 3.500 Meter dick. Trotzdem wird er an seinen Rändern bereits weich und verliert auch hier Masse (siehe Abb. weiter oben).

 

Die Autoren dieser HP sitzen im Zodiac und "Lesen" und Diskutieren über einen Eisberg: Blaues Eis - bedeutet alt, stark komprimiert und daher weit unten im Gletscher. Links an der Schichtung sieht man, das der Berg um 90° gekippt im Wasser schwimmt. Der Abfluß im Gletscher hat also mal senkrecht gestanden und Schmelzwasser von oben nach unten transportiert. Die Röhre war ursprünglich rund, als der Eisberg gekippt ist, haben sich zwei deutlich sichtbare (und eine schwache oben) Brandungskehlen gebildet. Das heißt Lage und Volumen des Eisbergs haben sich zwischendurch noch mindestens zweimal verändert. Über das Alter und die Lebensdauer des Eisbergs kann man so nichts aussagen, dazu bedürfte es einer Markierung und Dauerbeobachtung. Die Ausdehnung auf der Wasseroberfläche (Höhe x Breite) kann man vom Schiff aus mit dem Radar messen.

 

Literatur:

Kostrzewa & Kostrzewa 2009: Das ewige Eis schmilzt! Naturwissenschaftliche Rundschau 728: 61-68.

Kostrzewa & Kostrzewa 2016 Update: Das grönländische Eis taut immer schneller !  http://www.antarktis-arktis.de/Groenland_Eis_2016.htm

Kostrzewa, A. 2020: Der Kaiserpinguin - ein Vogel der Superlative. BIUZ 50 (Heft 1): 44-51.

Rex, M. 2020: Eingefroren am Nordpol. Das Logbuch von der POLARSTERN.  C.Bertelsmann

Rignot, E. et al. 2019: Four decades of Antarctic Ice Sheet mass balance from 1979–2017, PNAS 116: 1095–1103.

 

Text:  © Achim Kostrzewa,   Fotos: Achim & Renate Kostrzewa  (1.3.21)