Die Kaiserpinguine von Snow Hill Island - Antarktis pur

 

Am Ziel unserer Wünsche - die Kolonie von Snow Hill Island, hier ein Teilausschnitt: unser erster Eindruck bei leichtem Schneefall.   Foto © Achim Kostrzewa

 

 

Wie immer geht es im Hafen von Ushuaia los, hier liegt der Eisbrecher vor Anker und wird noch mit Ausrüstung und Gästen beladen.   Fotos © Achim Kostrzewa

 

Den Wunsch und die Motivation Kaiserpinguine in einer Kolonie zu beobachten hatten wir schon lange (siehe hier). Die große Frage war nur, wie hingelangen? In den 2000er Jahren gab es einige Exkursionen zur Atka Bucht bei der Neumeyer Station mit der Khlebnikov. Wir waren erstmals im Jan. 1996 mit der World Discoverer auf den eisfreien Inselteilen von Snow Hill und Seymour hier im Antarctic Sound (benannt nach Nordenskjölds Schiff).

 

 

Im Januar 1996 (im Zuge einer Rundreise: Ushuaia/Feuerland - Falkland - Südgeorgien - Südorkney - Süd-Shetland - Antarktische Halbinsel Ost und West - Ushuaia) stehen wir erstmals auf Seymour Island, einer Insel, die berühmt für ihre reichen Fossilienlagerstätten ist. Die Insel besteht überwiegend aus Sedimenten. Hier fand man auch die Knochen von Opossum ähnlichen Beuteltieren auf ihrer Wanderung von Südamerika über die Antarktis nach Australien vor gut 70 Mio. Jahren, als die Kontinente noch zusammenhingen und viel näher am Äquator lagen (Plattentektonik). Im Norden der benachbarten Insel Snow Hill steht die Hütte  des schwedischen Geologen Otto Nordenskjöld, der Mit dem Schiff "Antarctic" hierher gesegelt war um Fossilien zu untersuchen.

 

Die Hütte steht erhöht am Rande der vulkanischen Strandflate. Das Eis ist von einem Sturm auf den Strand geweht worden.

Das innere der Hütte ist noch immer bewohnbar. Die Hütte wurde in Schweden gebaut, wieder in Teilen auseinander genommen und 1902 hier wieder zusammengebaut. Fünf Mann hatten hier Platz zum Schlafen und Arbeiten. Auf dem Tisch liegen einige Fundstücke.

Renate mit zwei verstreinerten Ammoniten. Auch die Nachbarinsel Snow Hill Island ist sehr fossilienreich. Der Geologe Nordenskjöld hatte hier 1902 überwintert und viele Ammoniten, aber auch versteinertes Holz gefunden. Dieser Inselteil ist als einziger nicht vergletschert und paläontologisch ein Dorado. Die Antarktis lag während des Karbon Zeitalters viel weiter nördlich in wärmeren Gefilden und beherbergte riesige Wälder. Heute finden sich hier reiche Kohlevorkommen unter dem Eis, die hoffendlich NIE abgebaut werden dürfen.    Die Fotos von der Reise 1995/96 mit der World Discoverer, sind Scans vom Diafilm. Fotos © Achim Kostrzewa

 

Bis 2010 erreichten mehrere Exkursionen die Kolonie von Snow Hill, die 2004 erstmals durch diesen Eisbrecher durchgeführt wurde (Todd et al. 2004). Damals hatten wir noch keine wirkliche Chance an diesen Reisen teilzunehmen. Nach 2010 hat die Ortelius ebenfalls versucht diese Kolonie regelmäßig anzulaufen. Von 10 Versuchen glückten aber nur drei*. Das Eis und das Wetter verhinderte die anderen. Die Ortelius ist lediglich ein eisverstärktes Schiff, hat aber zwei Hubschrauber an Bord, die für Snow Hill essentiell sind. Dies erschien uns als mögliche Chance. Dann gab es kurzfristig einige Reisen mit der Khlebnikov nach Snow Hill Island.

*Im Nov. 2018 glückte die Anlandung dann zum vierten Mal.

Die Khlebnikov fährt durch den Antarctic Sound ins Weddell Meer ein. Mit jeder Seemeile wird das Eis dichter und dicker.  Fotos © Achim Kostrzewa

 

Zum Anlanden im Frühjahr sind nur Eisbrecher mit Hubschraubern geeignet. Die Hubschrauber haben die Auflage mindestens eine Meile Abstand zur Kolonie zu halten, damit sich die Kaiserpinguine nicht gestört fühlen. Der Rest des Weges muß dann zu Fuß zurückgelegt werden. Zur Kolonie selbst ist ein Mindestabstand von 30 Metern durch die Besucher einzuhalten. Die Pinguine sind aber sehr neugierig und kommen, sofern sich die Besucher ruhig hinsetzen, ganz nah heran. Das Zeitfenster für den Koloniebesuch ist eng und umfaßt nur den Oktober bis Mitte November: warum? Vorher ist es zu kalt und das Eis ist vielleicht zu dick und ausgedehnt für unseren 25.000 PS starken Eisbrecher und ab der zweiten Novemberwoche kommen die Jungen schon langsam in die Mauser und sehen fotografisch nicht mehr richtig knuffig und attraktiv aus. Außerdem kann es auf dem Meereis dann schon Schmelzwasserseen geben, die eine Wanderung zur Kolonie vereiteln können.

 

Unsere beiden russischen Helikopter sind für die arktischen Bedingungen gebaut. Sie helfen uns den Weg durchs Eis zu finden und bringen uns sicher an Land und wieder zurück. Die übrige Zeit stehen sie mit abgeschraubten Rotoren in einem Hangar unter den Decksaufbauten. Renate kennt die russische Fliegerei schon vom Schwesterschiff Dranitsin, mit der sie 2004 in Frans-Joseph-Land war.       Foto © Achim Kostrzewa

 

Die US-amerikanische Expeditionsfirma Quark hatte den russischen Eisbrecher zwischenzeitlich von Schweröl auf "sauberen" Diesel umrüsten lassen, um insgesamt noch drei oder vier Touren nach Snow Hill anbieten zu können. Die Eisverhältnisse im Weddell Meer sind sehr wechselhaft. Das nahe gelegene Filcher-Schelfeis ist in den letzten 20 Jahren dramatisch abgetaut. Die Snow Hill Kolonie liegt auf der Südost Seite der Insel auf dem fest mit der Insel verbundenen Meereis, das derzeit gut einen Meter Dicke aufweist. Verschwindet auch dieses Eis im Zuge der Klimaerwärmung, wird die Kolonie wahrscheinlich aufhören zu existieren, wenn die Pinguine nicht auf den Strand umziehen wollen. Von den ca. 54 bekannten Kaiserpinguin Kolonien liegen nur zwei nicht auf dem Eis!

Falls wir die Kolonie nicht erreichen könnten, hätten wir noch sechs Zodiacs an Bord für mögliche andere Ziele. Auf der Nordseite von Snow Hill liegt die Hütte von Otto Nordenskjöld. Dieser kleine Teil der Insel ist im Sommer eisfrei. Diesen sowie die Nachbarinsel Seymour hatten wir schon früher mit der World Discoverer und Bremen im Dezember-Januar besucht (siehe Fotos weiter oben und Kostrzewa & Kostrzewa 2006). Ausweichziele wären aber für die kleineren Pinguinarten ziemlich früh im Jahreszyklus: Es gibt erst die Ankunft in der Kolonie und Verpaarungen. Noch keine Eier und Nester. Dafür eine grandiose Spätwinterlandschaft mit viel Schnee. Mal sehen was der Wettergott uns bieten wird.

Diese Reisen sind also mit einem gewissen Risiko des Scheiterns behaftet. Es gibt "Keine Geld zurück Garantie." Wir alle sind da voll im Risiko. Wenn wir die Snow Hill Kolonie nicht in unserem fünf Tages Zeitfenster erreichen können, müssen wir unverrichteter Dinge wieder zurück. Sind wir zu mutig und fahren uns fest, müssen wir auf wärmeres Wetter warten, da uns niemand helfen kann. Wir sind derzeit der stärkste Eisbrecher hier im Weddell Meer. Vor einigen Jahren haben sich hier gleich drei Schiffe festgefahren! (https://polarnews.ch/antarktis/expeditionen/643-internationales-treffen-der-eisbrecher) Aber: die Speisekammern sind voll, wie haben gute Köche, Wasser, Diesel zum Heizen und Strom, Funk, ein trockenes Bett; zur Not kann man es aussitzen. „No worries, mate,“ meint auch Cameron, unser Kiwi im Quark Team, der auf Macquarie schon Kaninchenjäger war. Wir tauschen da einige Erlebnisse von unserem Besuch auf dieser australischen, subantarktischen Insel aus.

 

25.000 PS im Eis geparkt. Während der Hubschrauber eine Fahrrinne sucht, vertreten wir uns die Füße auf dem einen Meter dicken einjährigen Meereis. Der Bug zeigt schon die ersten Spuren unserer Eisfahrt. Im Hafen war er noch makellos.     Foto © Renate Kostrzewa

 

Kaiserpinguin, Biologie - Entlang der Küsten des antarktischen Kontinents brütet der Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri) auf mit dem Festland oder vorgelagerten Inseln verbundenen Eisflächen, dem sog. Festeis. 1902 wurde die erste, 1012 die zweite und erst 1948 die dritte Kolonie entdeckt. Zu den bislang 29 bekannten Kolonien haben Peter Fretwell und Phil Trathan vom BAS kürzlich weitere 10 durch die Auswertung von NASA-Satellitenbildern hinzufügen können [Fretwell &Trathan 2009]. Mittlerweile liegt die Zahl schon bei 54 (und weiteren sechs möglichen, Ancel et al. 2017). Die Gesamtzahl der Tiere liegt damit schon oberhalb der ungefähr 595.000, die Fretwell und Trathan zusammengerechnet hatten. Das gesamte Verbreitungsgebiet schließt sich südlich dem des Königspinguins in den noch unwirtlicheren Gewässern des südlichen antarktischen Ringozeans an. Kaiserpinguine können daher nur jahreszeitlich synchron von März bis Dezember brüten (rund 10 Monate), um die Jungen dann in der günstigsten Jahreszeit, dem Frühsommer, selbständig werden zu lassen. Während die Adulten zwischen 21 bis 41 kg wiegen und 1 bis 1,3 m groß sind, wiegen ihre Küken beim „Ausfliegen“ nach 115 Tagen der Brutfürsorge über den eisigen Winter nur bestenfalls die Hälfte: 9,9 bis 14,8 kg. Offensichtlich scheint es vorteilhafter zu sein, die Küken früh dem Meer anzuvertrauen, damit sie dort schneller wachsen und ihr Gefieder fertig entwickeln können, als ihnen Futter über bis zu durchschnittlich 100 Kilometer hinweg auf der Eisplatte zuzutragen. Die Brut beginnt im März/April (Südherbst) mit Verpaarungen in der Kolonie. Die Eiablage findet im Mai/Juni statt. Die Brutdauer beträgt 62 bis 67 Tage. Insgesamt werden für die Brut und Aufzucht an Land also rund 6 Monate benötigt, also viel weniger als beim Königspinguin. Diesen „verkürzten Brutzyklus“ kann man nur als Anpassung an die grimmige Kälte in der Hochantarktis verstehen. Ihre endgültige Größe haben die Jungen – im Gegensatz zu den Königspinguinen, die 13 Monate brauchen – erst nach 18 Monaten erreicht.

Wegen der schwierigen Logistik ist über den Kaiserpinguin noch viel zu wenig bekannt. Langfristige Studien über die Brutbiologie liegen nicht einmal an einer Handvoll Plätzen vor.

Wie auch beim Königspinguin (vgl. Kostrzewa 2011) erwarten die Kollegen vom British Antartic Survey (=BAS) nach aktuellen Beobachtungen einen klimatisch bedingten Rückgang der Population (Fretwell et al. 2011), der durch Modellrechnungen einer französischen Arbeitsgruppe bis zum Jahr 2100 im Trend mit einem langfristigen Rückgang um 19% statistisch gestützt wurde. Punktuell werden die Verluste durchaus auch 40% und mehr betragen können (Jenouvrier et al. 2014). Aber wie sagte schon Mark Twain: „Prognosen sind schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Für die Königspinguine hat sich die negative Prognose bewahrheitet: die Crozet Islands verzeichnen schon heute einen dramatischen Rückgang der Bruten: „from over 500,000 breeding pairs in the 1980ies, the population on the sub-Antarctic Île aux Cochons has shrunk to just 60,000 breeding pairs“ (Weimerskirch et al.  2018).  Wir sehen das im Zusammenhang mit dem Verschieben der antarktische Konvergenzzone durch die Klimaerwärmung soweit nach Süden, daß die Nahrungssituation immer ungünstiger für die Kükenaufzucht auf den Crozet Inseln geworden ist (vgl. Bost et al.2015, Kostrzewa 2011). Die AG von Weimerskirch &Barbraud bezeichnet die Gründe seriöser weise als noch unbekannt, diskutiert alles von Krankheiten bis zu klimatischen Events, wie von Bost (et al. 2015) beschrieben und schon 2004 von deren Mitarbeiterin Karine Delord vermutet. Man müßte halt mal wieder vor Ort untersuchen… (Näheres demnächst in Biologie in unserer Zeit "Kaiserpinguine").

 

 

Reiseablauf:

1.Tag – FFM Abflug 22:00

2.Tag – Buenos Aires Ankunft 7:00, Hotel 9:15, Stadtrundfahrt 10 – 13:45, Zimmer, Napp, 18:45 zum Restaurant „La Estancia“ Steakessen, einheimisches Quilmes Bier.

3.Tag – Flug nach Ushuaia, Ankunft 14:00, Hotel Arakur, sehr schön aber außerhalb, Shuttlebus jede h. Abends Seafood, sehr lecker: Meeresfrüchte im eigenen Sud mit Reis. Renate hatte King Crab in Olivenöl mit Knofi, dazu einheimisches Beagle Bier.

4.Tag – Ushuaia. Trotz schlechter Wettervorhersage Sonne, wir gehen am Hafen spazieren, dann hoch über die San Martin bis zur Querstraße am Museum wieder runter und ins Cafe „Ramos“ mit Bäckerei. Dort treffen wir zwei Weltumsegler, sehr nett, die mit 15 Meter GFK Boot in die Antarktis fahren werden. Um 17:00 zum Hafen. Die Khlebnikov ist gegen 13:30 aus Vladivostok via Neuseeland angekommen. Nach unserer Ankunft gibt es Kaffee und später 19:30 Abendsessen. Auf Kabine reißen (=schrauben J) wir erstmal das Fenster auf. Deck 6 liegt so hoch, daß wir keine Gischt befürchten müssen. Wir fühlen uns sofort wieder heimisch - Renate war schon mit dem Schwesterschiff Kapitan Dranitsin auf Frans-Joseph-Land - und schlafen gut.

Der Tag beginnt mit der obligatorischen Rettungsübung: Wo ist die Musterstation? Welches Boot ist unseres? Die geschlossenen Rettungsboote sind klaustrophobisch eng. Nix für mich. Aber sie würden eh nur bei der Überfahrt helfen. Später im vereisten Weddellmeer können sie gar nicht fahren. Dann müßten wir auf dem Meereis campen, die Ausrüstung dafür ist da. Als alter Fahrensmann sage ich nix dazu bei der Übung, halte einfach die Klappe. Will ja niemand verunsichern. Renate freut sich wie Bolle über die ruhige Überfahrt.  Foto © Achim Kostrzewa

 

5.Tag – wir laufen um 1:30 aus und verlassen den Beagle Kanal gegen 6:30. Der Lotse geht von Bord. Die Drake ist ziemlich ruhig, die Khlebnikov rollt Eisbrecher typisch auch bei wenig Seitenwind. Aber es geht ganz gut. Polarjacken zunächst zu klein, Stiefel auch. Renate nimmt meine Sachen, ich bekomme größere. Morgens und mittags Buffet, abends wir serviert. Wir haben das schöne Begrüßungsessen und den Willkommensdrink, den wir ausfallen lassen, weil Sekt. Leider sind die Lammracks nur lauwarm. Essen sonst gut - sehr gut. Wein und Bier sind beim Essen frei, Softdrinks sowieso. Wir sitzen immer mit anderen Leuten zusammen und haben interessante Gespräche. Vormittags fotografiere ich vom Heck aus Seevögel (420mm, D4). Dann geht das Licht weg und beginnt leicht zu regnen. Nach dem Mittagessen werden Bug und Heck geschlossen. Das Schiff rollt zu stark, das Deck ist regennaß, glitschig und ich halte meinen Power-Napp.

Südlicher Riesensturmvogel vom Heck des Schiffes aus. Die Drake ist sehr ruhig. Das Licht brauchbar. Aber: kaum Vögel unterwegs! Fotos © Achim Kostrzewa

Die chinesische Gruppe ist top ausgerüstet. Sie fotografieren rund um die Uhr...

 

6.Tag  – Wir sind weiterhin in der Drake. Die See ist ruhig, aber das Schiff rollt im Seitenwird vor sich hin. Es sind kaum noch Seevögel vorhanden, die dem Schiff folgen. Das war früher anders. Eine aktuelle Publikation (Dez. 2018: Gremillet et al. in Current Biology) weist auf die zunehmende Konkurrenz zwischen Industrieller Fischerei und Seevögeln quasi in allen Weltmeeren - auch im Südpolarmeer - hin: sprich der Mensch ißt den Vögeln die Fische weg! Zur jeweiligen Essenszeit ändert der Kapitän den Kurs, um den Wind im Rücken zu haben. Dann hört das Rollen sofort auf. Vormittags IATTO- (durch Expedition Leader Woody) und Hubschraubereinweisung (durch Operations Leader Shane). Es soll ziemlich kalt werden, bis -17°C, wir werden sehen. Abstand des Landeplatzes zur Kolonie möglicherweise 2,25 km. Soweit die graue Theorie, es wird noch deutlich kälter werden...

 

Hubschrauber Einweisung, wer sitzt wann, wie, wo. Wie geht das: Einsteigen und Aussteigen bei laufendem Rotor ? Vier vorn, vier hinten plus die Rucksäcke und weitere Ausrüstung. Wenn es zu windig wird, können nur vorne nur drei mitfliegen, wegen des Gewichtes. Immerhin haben die Schrauber zwei Turbinen. © Achim Kostrzewa

 

Wir machen in der Kabine den großen Kleidercheck. Sehen aus wie die Michelinmännchen. Meine Arktis Klamotten bringen sicherlich 10 zusätzliche Kilos auf die Waage, bei Renate ist es der gesamte Kofferinhalt, wie mir scheint: Zwiebeltechnik par excellence! Seidene Ski Unterwäsche, dicke Fleece Hose, Fleece Pulli, zwei Westen, darüber dann die Fjäll Räven Thermolatzhose, für die Füße: die Lammfelleinlagen, die „Atom“socken, Fleece Strümpfe, Wärmestiefel von Muck. Dann geht es oben wieder weiter: zwei Fleecejacken plus der dreilagige  Thermoparka von Quark. Für den Kopf noch eine seidene Sturmhaube, Strickmütze und Kapuze. Schal nicht zu vergessen! Die Hände verschwinden in mit Wolle gefütterten Lederhandschuhen, darüber Fleecehandschuhe und zusätzliche wasserdichte Überhandschuhe. Alles wieder ausziehen. Unsere Kabine gleicht einem Kleiderlager. Dann kommt der Bio-Hazardcheck: Rucksack und alles was nicht flamm neu ist wird ausgesaugt. Stativbeine und Stöcke desinfiziert. Wir dürfen und wollen weder Samen noch Bakterien oder Viren einschleppen.

 

Kleider- und Fotocheck zahlen sich an Land aus: alles dabei, alles paßt, keiner friert. So können wir uns auf unsere "Arbeit" konzentrieren. © Achim Kostrzewa

 

Mittags entscheiden wir uns für Red Snapper, sehr lecker, aber überschaubare Portionen. Dann Napp. Um 4:00 macht der Shop auf, ich schaue nach großen Überhandschuhen, aber nix da. Kaffeetrinken,  beim  Cappuccino ist immer noch die Milchdüse verstopft. Um 17:00 Vortrag der BBC Filmerin und Fotografin Sue Flood. Sie macht sehr viel unter sehr extrem kalten Bedingungen. Ist von Hause aus Zoologin und hat gerade ein schönes Bilderbuch über Kaiserpinguine veröffentlicht. Kaufe es nicht, denn es gibt leider so gut wie keinen Text. Dabei merkt man im Vortrag, daß die Frau viel zu erzählen hat. Gegen 18:45 sehen wir am Horizont die Spitzen von Elephant  Island an Backbord. Bald könnte dann auch King George auf Steuerbord auftauchen. Renate geht um 19:00 mal mit Kamera auf die Brücke. Wir haben bei der Rollerei den Aufzug seit zwei Tagen ausgeschaltet. Ich meide zu viele Treppen, wenn es nix zum Sehen gibt. Sonst ruft Renate mich auf Kabine an. Brauche meine Knie noch für die Pinguinwanderungen! Außer Robben, einem Weißgesichtsscheidenschnabel und einigen Seevögeln wie einem Schneesturmvogel, sehen wir noch Wale sehr weit weg. Abendessen wieder sehr lecker. Anschließend noch Briefing durch Michael. Die beiden Hubschraubergruppen für unsere "Polar News" Subgruppe sind auch schon eingeteilt. Wir sind auf Morgen früh sehr gespannt, wenn wir in den Antarctic Sound kommen werden. Sicherheitshalber steht der Wecker auf 5:15, 15 Minuten vor Sonnenaufgang…

7.Tag – um 4:00 liegt das Schiff gestoppt: die Crew läßt alle sechs Zodiacs zu Wasser, die auf dem Hubschrauberdeck geschützt gelegen haben, fahren sie zum Bug und laden sie wieder per Kran an Deck. 5:15 gutes Dämmerlicht, wir sind im Antarctic Sound, sehen Brown Bluff und kommen auch an Joinville vorbei. Die Eisbedeckung ist zwar vorhanden und liegt bei >60%, aber es handelt sich meist um dünnes Schwarzeis, Eisschlamm und Pfannkucheneis. Da brettern wir mit 15 Knoten so einfach durch. Später, näher bei Seymour und dem charakteristischen Vulkan von Cockburn Island fahren wir uns auf der Südseite von Snow Hill fest, und müssen nach drei Versuchen das Eis zu brechen, zurück. Ich filme dies von der Brücke aus mit der kleinen Fuji in HD, weil man das im Foto einfach nicht vernünftig darstellen kann! Dann ist schon Mittag, Napp und kurz vor drei werden wir zum Helikopterkurs gerufen. Wir lernen wer, wo und wie einsteigt und dann auch den Hubschrauber wieder verläßt. Jeder bekommt einen der acht Sitzplätze vorher zugewiesen. Diskussion ob und wie Fensterplatz, vorne oder hinten wird es glücklicherweise nicht geben, es geht etwas militärisch zu, was vernünftig ist, wir wollen ja ca. 100 Leute in kurzer Zeit sicher an Land bringen. Hinten ist mehr Platz. Am besten sehen kann man, wie immer, auf dem Kopilotensitz. Später wird die Übung unterbrochen, da ein Scouthubschrauber ausgesendet werden muß: da wir die ersten in diesem Jahr sind, wissen wir noch nicht genau wo sich die Kolonie auf dem Eis ungefähr südlich von Snow Hill befindet. Der Scout kommt gegen 18:00 zurück: die aktuelle Kolonie liegt am Rande der Sicherheitsgrenze für den Hubschrauberflug mit Passagieren. Der Plan ist nun folgender: wir verhohlen das Schiff wieder nach Süden und wollen erneut versuchen es über Nacht in einer südöstlichen Position zur Insel zu bringen, was bei der Kolonie viel näher dran wäre. Der Pilot hat auch einen möglichen Kurs für unseren Eisbrecher abgeflogen. Wenn das klappt, kann das Quark-Team das Base Camp auf dem Eis aufstellen, mit Notfallproviant etc. versorgen, die Wanderstrecke ausflaggen und die 30 m Grenze zur Kolonie festlegen… Vor dem Abendessen bekommen die drei noch fehlenden Gruppen auch ihre Hubschraubereinweisung.

Die fachlich und didaktisch besten Vorträge hält eindeutig Kollege Fabrice Genevois über Kaiserpinguine und die Ökologie der Antarktis im Vergleich zur Arktis…

 

     

Familienleben: Dieses Küken hat gerade beide Eltern da, Wachablösung ist angesagt. Für den Kindergarten ist es noch etwas zu klein.  Fotos © Achim Kostrzewa

 

Währenddessen kommt nachmittags ein Kaiserpinguin neben dem Schiff an Steuerbord aus dem Wasser, rutscht erst auf dem Bauch ein Stück und richtet sich dann auf. Renate entdeckt ihn als erste auf der Brücke und Ron, unser Historiker gibt das gleich über die Schiffs PA weiter. Danach stehen 50 Fotografen auf dem Bugdeck und knallen tausende Fotos von dem einen, neugierigen Pinguin. Dem scheint das ganze peinlich und er putzt sich ausgiebig. Während dies die meisten Fotomenschen ablenkt, startet der Hubschrauber zu seinem Aufklärungsflug. Ich habe nur das Tele zur Hand, kann aber einige Fotos machen.

Nach dem Abendessen bekommen wir noch ein kurzes Briefing und gehen ins Bett, hoffend, das alles wie geplant klappt…

8.Tag – Frühstück um 6:00. Wir sind parat. Aber, nein, es klappt nicht. Wir, also Gruppe 1 folgend auf Gruppe 6, sollen um ca.10:00 fliegen. Aber der Scout kommt unverrichteter Dinge mit der gesamten Ausrüstung für das Basecamp zurück –  Whiteout, wg. 20 Knoten Wind…

 

Wind haben wir auf dem Schiff auch reichlich. Vom Nebel und Whiteout ist eine Eisschicht überall verteilt. Der Bug wird gerade wieder geöffnet, denn das Wetter wird langsam besser. Foto  © Achim Kostrzewa

 

Zunächst warten wir ab, mittags wird dann nochmal ein Hubschrauber ausgeschickt, immer noch Whiteout und Schneefall bei der Kolonie. Wir sind auf der Brücke für eine Stunde. Sue Flood gibt um 11:00 einen Vortrag über „Tipps und Tricks für bessere Fotos.“ Renate meint anschließend: „ist im Prinzip genau wie Deiner, bloß andere Bilder…“ Das freut mich, aber die Essentials, die sich aus langer Erfahrung bei Reise- und Naturfotografie unter extremen Bedingungen ergeben, sind halt + immer dieselben. Dann Mittagessen.

Die Fotojünger umzingeln die beiden Pinguine und halten drauf, was die Speicherkarten hergeben. Ich kann keinen Sinn darin erkennen hier mit 10 Bildern pro Sekunde zu "arbeiten". Wer soll das alles anschauen?  So entstehen doch nur hunderte gleich aussehender Fotos!    Foto © Achim Kostrzewa

45 Minuten "Freigang", dann müssen wir wieder zurück auf Schiff. Der Rumpf schneidet sich in Eis ohne viele Schollen zu erzeugen. Die drückt er offensichtlich nach unten weg. Foto © Achim Kostrzewa

 

Um 13:30 dürfen wir raus aufs Eis. Ausgeflaggt ist ein Weg um das Schiff von der Gangway bis zum Bug und nach rechts, auf dem 2-4 Kaiserpinguine rumstehen. Die Ärmsten sind voll umlagert, wohlgenährt und machen sich später landeinwärts davon. Wir machen am Bug noch ein paar Bilder und um 14:15 müssen wir schon wieder aufs Schiff zurück. 14:45 legen wir ab, um die vom Scout ausgemachte Route bis südlich der Südwestspitze der Snow Hill Insel zu kommen. Nachmittags verbringen wir meist auf der Brücke und machen Fotos vom Brückendeck aus. 19:30 Abendessen mit Mahi Mahi (ein leckerer Fisch, kennen wir aus Hawaii). 20:45 letztes Briefing durch Dr. Michael Wenger, unsere schweizerische Polar News Reiseleitung. Jetzt ist es Dunkel und das Schiff hat in seiner richtigen Position gestoppt. Wir werden Morgen hoffentlich alle zu der Kaiserpinguinkolonie fliegen können. Kommentar Expedition Leader Woody: “so close we have never been before, it’s just an eight minutes flight…”

Fotoplanung:

Was nehmen wir morgen alles mit, was nicht? Wir wissen zwar, daß der Weg gute 1,6 km lang ist, aber nicht wie beschwerlich. Stöcke auf alle Fälle. Damit ist auch die Stativfrage geklärt: Novoflex Triopod mit einem normalen Stativbein und zwei Lekistöcken ergibt ein gutes, leichtes und praktisches Stativ. Das schwerste Gerät auf dem Stativ wir die D4 mit AF-S 4/300 + Konverter und das VR 4/70-200. Dafür sind die LEKI® Beine völlig ausreichend. Außerdem die Fuji XE-2 mit dem XF 2/18 und jeweils einem Ersatzakku in der Jacke. Renate nimmt die D700 mit VR 4/24-120. Neben den drei Ersatzakkus haben wir auch 2 Deckel 77mm und einen 67mm dabei. Außerdem noch sechs Speicherkarten. Tücher zum Putzen. Finger-,  Foto- und Überhandschuhe. Einen Walkstool® und eine an meinem Rucksack mit 1,5m Packriemen festgebundene Isomatte, die ich dreifach nehme um darauf am Boden für die tiefe Perspektive zu sitzen. Festgebunden, damit sie der Wind nicht wegblasen kann, daß ist sehr wichtig, das nichts wegfliegt und schon gar nicht in die Kolonie. Mehr wollen wir nicht tragen. Darum ist auch das 3,6 kg schwere große Zoom AF-S 4/200-400 VR schweren Herzens zu Hause geblieben. Das hätte auch die "normalen" Novoflex Stativbeine erforderlich gemacht. Für die 5 kg Gesamtgewicht vom "großen Zoom" und der D4 braucht es mehr Stabilität. Einige Male hätte ich das 200-400 plus Konverter (=550mm) gut gebrauchen können...

 

Die Hälfte ist geschafft! Aber der Schnee ist teilweise sehr tiefgründig. Ohne Stöcke geht es nicht! Leichte Schneeschuhe wären jetzt optimal. © Renate Kostrzewa

Geschafft: Die Griffe von den Leki Stöcken geschraubt und die Stöcke dann an die NOVOFLEX Stativbasis schrauben geht ganz fix. Zusammen mit einem Novoflexbein ergibt sich ein stabiles Stativ für mein leichtes AF-S 4/300mm Tele. Mit dem Walkstool dahinter hat man eine bequeme Sitzposition. Für die bodennahen Aufnahmen setze ich mich auf die Isomatte. Ohne Isolierung zwischen Körper und Eis wird es sehr schnell kalt.       Foto © Renate Kostrzewa

Keine Angst vor Nähe: gucken wir mal was der Gelbling da so macht. Die Erwachsenen ohne Küken kommen zuerst. Der hier hat gerade mal drei Meter Abstand zu meiner Sonnenblende. Foto © Achim Kostrzewa

 

Mein Rucksack wiegt mit zusätzlichen Regenschutz für die Telekamera, 0,4l Wasserflasche (!), Ersatz-Brille, -Handschuhen und –Mütze und dem Stativteil des Triopod gut acht Kilo. Renates Drybag etwa vier Kilo, sie hat auch noch ihr schweres 10x42 Leica Glas darin. Dazu noch sehr leichte Carbon Wanderstöcke. Mehr geht erstmal auch nicht. Und das sollte auch reichen. Tut es auch! Man darf ja nicht vergessen, daß die warmen Klamotten auch einiges an Zusatzgewicht verursachen.

 

So sieht das Base Camp bei guter Sicht aus: zwei "Bananenzelte", Funk, die Medizinnotfallkiste und Lebensmittel (Nach der Ankunft am 3.Tag) © Achim Kostrzewa

Der Pilot hält bei der Landung auf den schwarzen Sack zu weiter links (nicht im Bild) steht noch ein Einweiser, wir warten auf den Abflug (3.Tag) © Achim Kostrzewa

 

9.Tag – Ja, wir fliegen! Wenn auch verspätet, aber egal, wir fliegen zur Kooloooniehie! 11:30 boarded die Polar Tours Gruppe als Gruppe Zwei, also wir zwei Helis kurz hintereinander. Wegen des Windes können nur 7 Passagiere mit. Verbleiben drei für den Dritten Hubschrauber, und unser Reiseleiter, alles Schwyzer, oder? Dann geht es 1,6 Kilometer zu Fuß zur Kolonie. Gefühlt sind es für mich eher fünf, weil es teilweise durch schlecht gespurten Tiefschnee geht. Zahlreiche Kollegen fallen hin, ich auch einmal, trotz Stöcken, aber wir landen alle unbeschadet im weichen Schnee. So manchem muß aufgeholfen werden. Einer der Amis bleibt in einem Schneeloch stecken, der wird rusgezogen, oder? O Gott, jetzt fang ich auch schon an zu schwyzern, das muß aufhören. Anyway, wir brauchen eine Stunde bis hin, Renate und ich. Dann baue ich meine Leki Stöcke ans Stativ und das Staunen ist groß, wie praktisch! Auf so einem Weg zählt jedes Kilogramm. Ein Chinese zieht seine Ausrüstung in einem kleinen Hartschalenkoffer wie einen Schlitten durch den Schnee, ein weiterer benutzt einen Art Schlitten und fährt damit mein Stativ um. Ich kann gerade noch die Kamera fangen. Unter den Gästen sind viele Fotoamateure mit viel zu viel Kram, mit dem sie nicht richtig umgehen können… Aber das ist ja immer so, bei solch herausragenden Zielen. Da kommen auch viele „Twitcher“  mit, die zu Hause nur angeben wollen und gar kein tieferes Interesse an den Tieren und ihrer Umwelt haben.

 

 

Willkommen, bienvenue, welcome...  aux colonie...                       Foto © Achim Kostrzewa

 

Es sind minus 12,6° C und 15 km/h Wind, also doch recht frisch. Es schneit etwas, 100% bewölkt. Wir bleiben die volle Zeit bis 16:45 und gehen sicherheitshalber um 15:30 von der Kolonie wieder los und sind genau nach einer Stunde wieder am Hubschrauberplatz. Es wäre mir unheimlich peinlich als Antarktis Methusalem hier und jetzt zu spät zu kommen! Dafür sind Suppe und Sandwiches im Zelt schon lange alle und auch auf dem Schiff wird gerade als wir ankommen der Kaffee abgeräumt. Wir sind müde und hungrig, haben ja seit dem Frühstück nichts mehr bekommen. Mein Exkursionsmotto: „Frühstück um sechs und Mittagessen Nebensache“ (frei nach Mary Scott). Hunger hat die Truppe trotzdem: Der Maitre D‘ hat Verständnis und läßt nochmals Sandwiches und Eiscreme auffahren. Wir hauen rein wie die kleine Raupe Nimmersatt. Ratz fatz ist alles weggefuttert. Aber bis zum Abendessen reicht es so gerade J. Jetzt habe ich Zeit die Bilder runterzuladen und auf einer externen Festplatte nochmals zu speichern. War ich vorher beim Beobachten schon begeistert, so bin ich es jetzt erst recht. Selbst wenn wir keine weitere Exkursion mehr hätten – uns bleiben ja noch die beiden folgenden Tage, mindestens – wäre die Ausbeute schon nicht schlecht.

 

Leise rieselt der Schnee. Den Kaipis ist es egal: die Jungen sind gut genährt und sauber. Der Kolonie scheint es sehr gut zu gehen. Wir haben keine toten Eier und nur drei tote Junge gefunden. Alle gut tiefgefroren. Der Altersunterschied zwischen den beiden Kleinen beträgt hier sicherlich zwei Wochen.   Fotos © Achim Kostrzewa

   

Hey guckt mal, die fotografiert uns! Wie, Wer, Wo denn? Die Küken sind unheimlich neugierig und kommen als Trupp auch immer näher.  Fotos © Renate  Kostrzewa

   

Jung und Alt. Eh Alter Du hast sicher noch was für mich, oder? Die Küken sind immer hungrig!                  Fotos  © Achim Kostrzewa

 

10.Tag – Heute sind wir die zweite Gruppe und schon um 9:00 an der Musterstation vor dem Helideck. Renate kommt in den 2. Heli und ich warte im Basecamp auf sie. Die Rucksäcke müssen über das Schwimmwestengeschirr angezogen werden. Die Westen sind obligatorisch, weil wir fliegen und wir laufen anschließend über Eis. Da könnte man in eine Spalte fallen… Safety first, wir sind in einer ziemlich unwirtlichen Gegend und bis Doc Alex uns helfen kann, kann u.U. dauern. Unser Expeditionsarzt ist Münchner, Lt.OA für Innere- und Notfallmedizin im Krankenhaus und fährt auch mit der Feuerwehr Einsätze. Also genau der richtige, sollte es mal brenzlig werden. Er und seine Sauerstoffflasche sind immer mit an Land auf Exkursion. Also wir müssen uns gegenseitig beim Aufrüsten helfen und gehen dann in gemütlichen Tempo Richtung Kolonie. Die Fähnchen sind da, aber der Wind hat die Spuren von gestern weitgehend getilgt. Der Schnee ist wieder tiefgründig. Der Wind hatte über Nacht gedreht und kommt jetzt direkt aus S, direkt aus dem Zentrum der Antarktis (katabatische Winde!).

Es wird kalt heute minus 15° C plus 18 Knoten Wind. Das ist sogar den Pingos unangenehm, sie haben ihre Kolonie um 50-100 Meter verlegt. Prima, wenn man kein festes Nest hat, sondern die Kinder einem auf den Füßen hocken, und man mit ihnen umziehen kann. Wir hätten bis 16:00 Zeit gehabt, aber es war auf die Dauer zu kalt. 12:30 packen wir ein, sind eine Stunde gegangen und wieder warm. 13:45 können wir als letzte unserer Gruppe fliegen, zusammen mit Michael, der uns auf dem Rückweg begleitet hatte. Um 14:10 sind wir wieder auf Kabine. Reißen unsere äußeren Kleidungsschichten runten und gehen im warmen Unterzeug (das sind bei Renate noch 3-4 Schichten und eine dick gefütterte, chice, figurbetonte Fjällräven Winterlatzhose), Kaffeetrinken. Für mich steht nach dem Kaffee noch Duschen und Bilderspeichern an. Ja und natürlich auch Reisetagebuch schreiben ;-). Abends hocken wir wieder mit unserem „deutschen“ Tisch zusammen um uns gegen die Schweizer und Österreicher zu behaupten J. Wir kommen aus München, Stuttgart, Aachen, dem Westerwald und der Eifel, fast alles Antarktis erfahrene Vielreiser. Morgen soll es noch kälter werden, wegen dem katabatischem Wind aus der zentralen AA, na mal sehen. Wir werden diesmal die letzte Gruppe sein, die wahrscheinlich mittags an Land gehen wird. Um 23:00 sehe ich vom Bett aus den Neumond am klaren Himmel. Zu einer Nachtaufnahme kann ich mich momentan nicht aufraffen. Zu müde, zu kalt draußen! Minus 22° C.

11.Tag – 4:30 Michael ruft an: „Phantastisches Licht“, er hat recht. Bester Schuß, der Eisberg, der sich hinter uns geschmuggelt hat: 4:40, -19,8°C, 13 Knoten Wind. Das ist wirklich kalt! Für eine sichere 1/100 sec. bei 92mm und f/4,5 brauche ich immerhin noch 2000 ASA. Der Stabi (VR) ist zwar an, aber ich weiß nicht, ob er bei diesen tiefen Temperaturen zuverlässig arbeitet. Es war draußen noch dunkler, als der fertige Bildeindruck wiedergibt:

 

Before Sunrise, minus 20° C, die Kameras funktionieren einwandfrei.                                                         Fotos © Achim Kostrzewa

Auf der Brücke kann man sich wieder aufwärmen. So früh sind nur die beiden Wachoffiziere dort. Wir liegen gestoppt im Eis.  Foto © Achim Kostrzewa

 

5:45 Wecken! 6:00-8:00 Frühstück. Da unsere Gruppe heute die letzte ist, haben wir Zeit. Nachdem Gruppe 3 weg ist - heute geht es in umgekehrter Reihenfolge - werden die Flüge unterbrochen. Die Hubschraubertankstelle ist kaputt, eingefroren? Wir können nicht mehr tanken! Kerosin ist genug da, aber es fließt nicht. Die Techniker bauen das System auseinander und ersetzten die Pumpe. Für uns geht es erst nach dem Lunch los.

Fototechnik bei arktischen Temperaturen von minus 15-20° C plus Windchill

13:15 an der Musterstation. Vorteil, morgens waren es 18° minus, jetzt sind es nur noch -14° C, also „richtig warm“ bei strahlendem Sonnenschein. Wir brauchen wieder 1h hin, eine zurück und sind gut 1,5h vor Ort. Es ist trotzdem arschkalt in dem Wind.

Die so genannten Fotohandschuhe taugen gar nichts. Sie wärmen kaum und überall pfeift der Wind rein. Ich hatte gehofft, ich könne dünne Lederhandschuhe drunterziehen. Aber die größte verfügbare Größe paßt noch so gerade direkt auf der Haut. Die werden wohl für Asien hergestellt: Ich bräuchte noch zwei Nummern mehr. Also, am besten funktionieren noch meine kalbsledernen, gut mit Merinowolle gefütterten, winddichten, 20 Jahre alten Fingerhandschuhe, die ich auch in Grönland immer wieder benutzt habe. Mit dem weichen Leder kann ich auch prima mit die Kameras bedienen. In der trockenen Kälte brauche ich die wasserdichten Überhandschuhe (Fäustlinge) gar nicht. Ich mache überwiegend Landschaften mit Pinguinen und Menschen. Heute nur mit D4 + 24-120 + 70-200 + TC 14eII. Die Fuji ist heute nicht gut drauf. Bei dem grellen Licht kann ich selbst im Sucher kaum was erkennen, und auf der Mattscheibe sind die Einstellungen gar nicht zu sehen. Dann beschlägt mir auch noch dauernd die Brille… Bei der Nikon ist im Sucher alles „glasklar“ zu erkennen. Meine alte D4 hat ein Antibeschlag-Okular und funktioniert wie ein Uhrwerk. Der Motor steht auf 5 B/s, nur bei Fütterungen gehe ich auf 10 B/s. Die Akkus sind am Ende der Exkursionstage nicht einmal halb leer, obwohl ich mit der D4 am ersten Tag etwa 1.200 Aufnahmen belichtet habe; bei der D700 waren es etwa 450 Aufnahmen pro Tag. Die Objektive haben auch noch keine Zicken gemacht. Wohl aber die D700: bei -18° gestern, zuckte beim Fokussieren schonmal der Spiegel, ohne das ich ausgelöst hätte. Nicht immer, aber immer öfter. Die Belichtung war einwandfrei und alle Bilder technisch absolut okay. Auch die so hingezielten Bilder mit der Fuji sind alle korrekt belichtet, der Bildausschnitt ist allerdings saumäßig! Das meiste ist aber brauchbar. Glücklicherweise! Bloß bei der Panoramafunktion ist der Akku heute nach einem halben Panorama ausgestiegen, ich hatte die Kamera vorher ziemlich lange draußen. Zusammen mit meinen Sucherproblemen haben die Pano-Aufnahmen heute leider nicht geklappt. Kollege Herbert (AC) hatte in seiner spiegellosen Leica SL auch nix mehr sehen können, obwohl er kein Brillenträger ist. Seine Canon 5D funktionierte klaglos. Es zeigt sich mal wieder, daß unter extremen Bedingungen die alten, nun oft als „Spiegelklatscher“ diffamierten Profigeräte immer noch am besten funktionieren. Auch Frank (M) hatte mit seinen beiden Olympus Gehäusen diverse Probleme. Tolle Optik, doch eine saumäßige Menüsteuerung. Habe ihm vorgeschlagen die Lumix GX-8 oder GH-5 auszuprobieren. Die Objektive passen ja.

Ergibt sich mal wieder: nur mit ausgetesteten Geräten in extreme Klimate fahren. Mindestens fünf Jahre am Markt sind die Garantie für fehlerfreies Funktionieren. Denn heutige Apparate sind wie Bananen, sie reifen beim Kunden!

 

Der Sitz des Co-Piloten ist eindeutig der beste Fotoplatz... Ich fühle mich ganz sicher an Bord, sehr gute Piloten, diese Russen. Die beiden Hubschrauber wirken auf mich wie meine alten mechanischen Nikons, bei pfleglichen Umgang quasi unkaputtbar. Sie werden offensichtlich liebevoll gewartet. GPS ist auch an Bord.

...unter uns breitet sich für wenige Minuten Flug die große Leere der Antarktis aus, was würden wir jetzt ohne Hubschrauber machen...

...unsere sichere Heimat in der großen Leere des Weddell Meeres. Ohne diese ganze Technik braucht es die Lebenserfahrung und Ausrüstung eines Inuit zum Überleben!

Expeditionsleiter Woody schiebt mich beim letzten Rückflug ohne Kommentar statt seiner auf den Sitz des Co-Piloten. Die Kamera bekommt Dauerlauf. Nur auf unserem kleinen Schiffchen ist es warm und wir bekommen genug zu essen. In dieser lebensfeindlichen Landschaft kann man ohne Ausrüstung keine einzige Nacht überstehen.                                   Fotos © Achim Kostrzewa

 

Unfall, wir müssen einen Gast evakuieren!

Nach dem wirklich tollen Tag: Ich fliege wieder Co-Pilotensitz nach Hause, erfahren wir abends beim Recap, das wir einen schwer verunglückten Reisegast haben: ein Dame aus China ist an Land gestolpert und so unglücklich gefallen, daß mindestens der Oberschenkelhals gebrochen ist. Da sie aber ihre Beine kaum oder nicht bewegen kann, könnte der Schaden noch weit schlimmer sein: Becken- oder gar Wirbelbruch, evtl. ein tiefer Querschnitt. Dies macht eine möglichst schnelle Evakuierung erforderlich! An Bord gibt es kein Röntgengerät. Doc Alex und der russische Schiffsarzt stabilisieren die Patientin mit entsprechenden Schraubschienen, die Doc Alex mitgebracht hatte. Und wir müssen nun versuchen Kontakt mit den nächst gelegenen Stationen Marambia oder King George aufzunehmen, um einen möglichen Evakuierungsflug zu organisieren. Problem: es ist Sonntagabend und die Funkbuden dort sind nicht besetzt. Da wir ja quasi noch vor Beginn der Saison unterwegs sind, könnte es sein, daß die Landepisten auch noch nicht wieder vom Winter her geräumt sind, wir werden sehen. Im äußersten Notfall können wir Ushuaia binnen dreier Tage erreichen, wenn wir geradeaus quer über die Drake gehen, aber das würde für die Patientin einige Pein bedeuten und für uns wäre das auch kein Spaß…

Savety first

Gefallen auf dem Weg zur Kolonie sind wir alle mindestens einmal: Renate und ich auch. Man tritt in ein nicht sichtbares Schneeloch und kippt einfach um. Dann helfen auch nur noch die Stöcke bedingt. Ich bin auf einer zugescheiten Eisplatte beim ersten Aussteigen aus dem Hubschrauber ausgerutscht und elegant auf die rechte Seite gefallen. Der Rücken war vom Rucksack geschützt, habe mir etwas den Unterschenkel gezerrt, aber es ist nix weiter passiert. Expeditionsurlaub bedingt auch Risikominimierung: nur da hin treten, wo man was sehen kann, immer gut festhalten. Nie laufen oder springen! Die meisten von uns sind ja auch keine 40 mehr…

 

So im nachhinein beim Schreiben beschleicht mich doch ein bißchen ein ungutes Gefühl: was wäre passiert, wenn wir im Eis in Not geraten wären? Zodiacs und Rettungsboote wären relativ nutzlos gewesen. Wir hatten ja den Hubschrauberausfall wegen der eingefrorenen Betankungsanlage auf dem Schiff am zweiten Exkursionstag. Ungefähr vier Stunden mußten unsere Kollegen länger auf dem Eis bleiben und wir auf unseren Flug warten. Die Fotografen an Land hat es wahrscheinlich gefreut, aber einige kamen doch etwas verfroren zurück. 8,5 Minuten Hubschrauberflug über das Packeis bedeuten bei diesem langsamen Modell doch etwa 14-15 Kilometer Fußmarsch. Das wäre ganz schön schwierig geworden ohne Heli wieder an Bord zu kommen. Gab es alternative Fahrzeuge an Bord? Schneemobile? Und die maximale Reichweite für Touristenflüge würde bei 25 Minuten liegen, sagte Shane bei der Einweisung. Das wären dann kaum zu überwindende 45 km Fußmarsch? Bei allen Sicherheitsmargen und zwei Helikoptern, shit happens...  Fotos © Achim Kostrzewa

 

In der Nacht wollte ich noch Landschaft unter Mondlicht und Sterne machen, aber die Außendecks sind verschlossen, es ist alles vereist. Noch einen Unfall wegen eines leichtsinnigen Fotografen, können wir jetzt nicht brauchen…

12.Tag – heute Morgen um 6:00 schon ausgeschlafen, Es ist total nebelig, ich dusche und gehe nochmals ins Bett bis 7:15. Dann aufrödeln zum Frühstück. Seit 4:00 fährt das Schiff wieder durch das Eis. Wir fahren 15 h hin und her und uns immer wieder fest, um überhaupt bis auf die Höhe der nördlich gelegenen Nachbarinsel  Seymour zu kommen. Dort liegt die argentinische Station Marambia, die uns mit der verletzten Chinesin nicht helfen kann, weil die Piste nicht frei ist. Noch keine Flüge möglich. Hier herrschen noch Winterbedingungen; genau dasselbe erfahren wir über die Verhältnisse auf King George Island (chilenische Station Presidente Frey, Süd-Shetland Inseln). Die hätte auch auf unserem Weg gelegen. Also werden die Eiskarten studiert: auch der Antarctic Sound ist zwischenzeitlich zu und voll mit Eis. Also wird die Strecke östlich der Insel Joinville genommen. Dann sind wir aus dem Weddell Meer heraus. Auf unserem direkten Kurs nach Ushuaia werden wir zwischen King George und Elephant Island (Süd-Shetland Inseln) vorbei kommen. Für die Drake Passage ist nun auch schlechtes Wetter angesagt. Daher wird dieser Teil der Reise zwischen 36 und 48 h dauern, wir werden sehen. Ich schreibe dies noch in der etwas schlaflosen Nacht um 4 Uhr morgens. So früh im Jahr wären wir auch bei einer – wie auch immer gearteten –  Havarie auf uns alleine gestellt. Wir sind das einzige Schiff hier im Weddell Meer! Helfen könnte, wenn überhaupt, nur ein vergleichbar großer Eisbrecher… Wenn ich da an die Rettungsübung denke, wird mir doch schnell klar, daß die Rettungsboote uns hier im Eis kaum nützlich sein würden. Außerdem ist der „Platz“ in diesen Booten rein klaustrophobisch, wie soll man da Stunden oder gar Tage aushalten?

 

Zum letzten Mal auf dieser Reise: Sonnenuntergang auf dem Packeis. Foto © Achim Kostrzewa

 

13.Tag – Doch genug der trüben Gedanken, der „schwarzen Milch der Frühe“ (Georg Trakl). Bald wird sich der erste Streifen Licht am Horizont zeigen und es ist Zeit ein erstes Resümé der Reise zu ziehen: sie war auf viele Weisen außergewöhnlich. Wir hatten drei Tage* mit unterschiedlichem Wetter bei den Pinguinen! Die jeder auf seine Weise nutzen konnte: nur schauen und staunen, oder zu versuchen seine Gefühle in kreative Bilder umzusetzen. Es war unbeschreiblich eindrucksvoll, die Bilder sollten dies wiedergeben können. Oft habe ich auch nur geschaut und nicht fotografiert. Die Eisfahrten waren unglaublich spannend, das Licht, die Tafeleisberge im Nebel und bei Sonne, Robben und Pinguine auf dem Eis. Zwischen den gleißenden Eisplatten immer wieder das neu gebildete Schwarzeis, die algenbedeckte grün-braune Unterseite der Schollenstücke, die unser Eisbrecher in seiner Fahrrinne dreht. Sie sind der Motor des Lebens hier im und unter dem Eis. Der Krill weidet diese Algenrasen ab und vom Krill leben alle anderen Arten hier im Antarktischen Ringozean. Der Nebel, der über der Fahrrinne entsteht, denn das Wasser hat nur -1,8°C, die Luft aber bis zu -22°C. Dazu der Windchill wenn man vorn am Bug, am Heck oder auf dem Dach der Brücke steht. Einfach unglaublich. Es ist jetzt 4:20 und langsam beginnt es zu dämmern, muß aufstehen und aus dem Fenster schauen, wie das Licht ist. Ja, dafür lohnt der Kälteschock draußen… Wir haben noch 40% Pfannkucheneis. Um 7:15 stehen wir wieder auf: die Bransfield Strait ist ganz ruhig. Frühstück im Sonnenschein. Die Sonne vertreibt die trüben Gedanken der Nacht. Draußen weit weg sind Orcas zu sehen. 8:45 wir passieren allmählich die Süd-Shetland Inseln. Vormittags ist es warm, fast Null Grad und ziemlich windstill, sowohl am Heck wie am Bug. Leider nur wenige Seevögel unterwegs: sehe einen Mollymauk, zwei Walvögel, mehrere Kappsturmvögel und zwei Finnwale blasen weit weg. Fotolicht wäre da, aber keine Vögel in Reichweite meiner 420mm! Mittags bekommen wir Rückenwind, wegen der Wellen eines schon abgezogenen Tiefs stampft das Schiff ein wenig. Weiter am Nachmittag kommt ein ganz leichtes Rollen von vielleicht 5° dazu. Man wird sanft gewogen. Nach dem Abendessen nimmt das Rollen zu: ich bekomme ein Brettchen ans Bett geklemmt, damit ich nicht rausfalle. Aber es ist halb so schlimm wie auf der Hinreise. Gut für unsere Verletzte, die bei aller guten Lagerung die Überfahrt aushalten muß.

 

In unserer Hecksee kommen die Eisschollen, die wir gebrochen haben, wieder hoch. Die Unterseite ist dicht mit Kieselalgen bewachsen, der Lieblingsspeise des Krill!        Foto © Achim Kostrzewa

 

*Die letzte Reise der Khlebnikov hierhin war 2010. Da waren die Bedingungen viel schlechter: man hatte nur 1,5 Tage netto bei der Snow Hill Kolonie, weil das Wetter so schlecht war, starker Schneefall, so daß die Helis nicht fliegen konnten. Da konnte nur der erste und der letzte Tag überhaupt genutzt werden.

14.Tag (10.Tag an Bord) – Heimreise! Es schaukelt wieder mehr heute Nacht. Das Tief zieht vor uns her. Wir haben Seitenwind, aber es ist viel ruhiger als auf der Hinreise. Gut für unsere Patientin, der wir alles Gute wünschen. Ich beginne nach dem Frühstück Bilder zu bearbeiten, mal sehen wie weit ich komme, habe heute Nacht wegen der Schaukelei sehr unruhig geschlafen… werde das jetzt  bald nachholen, denn der postprandiale Napp fällt aus: Michael hält einen Vortrag über Wale um 14:30. Schöne Bilder!

 

Unsere Spuren im Eis frieren schnell wieder zu.  Foto © Achim Kostrzewa

 

Abends um 21:00 kommt der Lotse für den Beagle Kanal an Bord. Nach Mitternacht machen wir am Kai in Ushuaia fest und können endlich mal wieder ausschlafen. Die Patientin wird ins Krankenhaus spediert.

15.Tag – Frühstück um 8:15, welcher Luxus. Um 10:00 gibt es für den „verlorenen“ Tag (durch die Evakuierung) ein Ersatzprogramm: wir machen eine Bustour in die Anden mit Mittagessen in einem Asado-Restaurant (dem gleichen wie auf unserer allerersten Tour mit der WD im Dez. 1995). Der Kaffee zum Schluß war ein wirkliches Highlight. Rast am Lago Escondido und weiter zum Lago Fagnano. Die Anden haben noch tolle Schneekappen und die in den 1940er Jahren eingeführten Kanadischen Biber sind immer noch ein Problem, werden jetzt aber strickt bejagt. Gegen 16:00 sind wir wieder auf dem Schiff zurück. Nochmal Kaffee und ein kleines Nappie.

Um 19:00 gibt es einen Empfang mit dem Kapitän und dann das Farewell Dinner. Danach ist Kofferpacken angesagt. Die sollen morgens um 5:30 draußen vor der Kabine sein. Wir stellen sie schon vor den Schlafen gehen raus, damit wir ruhig bis 6:45 schlafen können. Schlafanzüge und Zahnputzzeug kommen ins Handgepäck…

16.Tag – um 8:00 nach dem Frühstück verlassen wir das Schiff, laden unser Gepäck in den Bus und verlassen den Hafen. Um 8:15 sind wir ausklariert und stehen bei strahlendem Sonnenschein auf der Promenade. Handgepäck kann im Bus bleiben. Wir gehen spazieren und um 9:10 bei Ramos wieder Kaffee trinken. Dort treffen wir einige von unserer Polar News Truppe wieder. Um 11:00 geht’s zum Flughafen. Das Einchecken zieht sich. Einige Passagiere bekommen Ärger mit zu viel Handgepäck. Wir fliegen verspätet los und kommen so erst um 17:30 vom Flughafen in Buenos Aires weg. Um 19:10 müssen wir schon wieder parat sein, um zum Steak Essen zu gehen. Zum Duschen blieb keine Zeit, nur notdürftig aufhübschen geht. Michael hat uns sein Lieblingsrestaurant „El Establo“ empfohlen. Die Steaks sind hier etwas teurer, kommen aber schnell und sind saugut. Renate nimmt ein kleines Rib-eye und ich ein großes Entrecote. In Kombination mit Mozzarella Tomaten und richtig krossen, handgeschnittenen Papas fritas, einem leichten (3%) Bier als Aperitiv vorweg, dann ein schöner Malbec hinterher, einfach Klasse. Kaffee muß jetzt her, der ist auch ziemlich gut. Wir schleichen hundemüde mit hängenden Bäuchen wieder ins Hotel und fallen wohl alle in die Betten. Und träumen vom:

 

Letzter Sonnenuntergang auf der Drake Passage: so richtig schön kitschig!  Foto © Achim Kostrzewa

 

18.Tag – Es geht erst um 10:00 los, d.h. gemütlich duschen, frühstücken, fertigmachen. Es regnet, entgegen der Wettervorhersage! So schlabbern wir den Spaziergang und fahren gleich ins Tigre Delta auf eine einstündige Bootsfahrt durch die Kanäle der Schwemmlandinseln. Sie ragen etwa einen Meter aus dem Wasser und die Ränder müssen mit Holz- oder Betonteilen befestigt werden, sonst nimmt das nächste Hochwasser wieder mit, was das letzte dagelassen hat. Sehr interessant. Nach 13:00 sind wir wieder im Hotel machen einen Nappi und gehen Kaffee trinken, anschließend Spaziergang über die Florida, die Einkaufsstraße in BA.

Abends großes Abschiedsessen der Polar News Gruppe. Sehr gutes Restaurant. Wir schleichen kurz nach 22:00 nach Hause. Jetzt ist die Stadt voller Leute.

19.Tag – Rückflug um 16:00. Zimmer räumen um 11:00, wir gammeln rum.

20.Tag – Ankunft in FFM, 45 Minuten zu früh! Heimreise per Bahn.

 

Fazit: Die Eisbrecher-Reise zerfiel in drei Teile:

·        Die Querung der Drake Passage

·        Die Eisfahrt vom Antarctic Sound ins Weddell Meer

·        Die Landung auf Snow Hill Island

Die Drake ging ganz problemlos, der Eisbrecher neigt halt immer -  auch bei gutem Wetter - zum Rollen bei Seitenwind, weil dieser Schiffstyp ohne Kiel und Stabilisatoren auskommen muß.

Die Eisfahrt war ganz phantastisch. Ich hatte mir das sehr laut vorgestellt, wenn ich an das Scheppern von Eisplatten an die Rümpfe beispielsweise der World Discoverer oder Bremen und Fram denke. Die Khlebnikov durchfährt Eis bis vielleicht von einem Meter Dicke wie ein heißes Messer durch Butter. Auch vom Brechen des dickeren Eises hört man nur etwas, wenn man draußen auf dem Bug steht. Oben von der Brücke (28m über dem Eis), sieht das ganz anders aus: Wenn das Eis zu dick wird, wird das Schiff langsamer und bleibt trotz voller Maschinenleistung einfach stehen, ganz unspektakulär! Bei den Eisfahrten haben sich vor allen vor Sonnenaufgang mehrfach tolle Lichtstimmungen ergeben. Wir hatten alles: Wolken, Schnee, Nebel, der sich als Eis auf dem Schiff niederschlägt, Sonne und Wind.

Wir treffen uns unterwegs, jeder guckt den anderen neugierig an. Foto © Achim Kostrzewa

 

Die Hubschrauberlandungen auf dem Eis vor Snow Hill waren viel spektakulärer als solche mit dem Zodiac. Wir bretterten im Tiefflug über das Meereis bis zum Landeplatz. Der liegt hinter einem kleinen Eisberg versteckt, so daß man die Helis von der Kolonie aus gar nicht fliegen sehen kann, man hört auch nichts davon, perfekt! Die Wanderung zur Kolonie bescherte uns immer wieder Begegnungen mit Kaiserpinguinen, die auf dem Weg von oder zur Kolonie waren.

Die Kaiserpinguin Kolonie selber war mehr als beeindruckend: im Schutz des Packeises gelegen, laut und schmutzig, wie halt Pinguinkolonien so sind. ABER vollkommen geruchlos wegen der Kälte! Für uns Biologen DAS Highlite! Jetzt Monate später beim Schreiben gewinnt diese immer mehr an Bedeutung für mich. Packeis kann man auch in Nordgrönland gucken. Von den Kaiserpinguinen dagegen träume ich des Nachts, höre ihre Rufe!

 

Kritischer Blick: gilt bei Euch auch rechts vor links? Wir lassen ihm auf alle Fälle die Vorfahrt!  Foto  © Achim Kostrzewa

 

Alles ganz toll, aber bei mir persönlich mit einem Körnchen schlechten Gewissens. Riesig lange und komplizierte Anreise für die Snow Hill Pinguine. Zwei Kollegen (Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie und Julienne Stroeve vom National Snow and Ice Data Center in Boulder/Colorado) hatten kürzlich ausrechnet, daß eine Tonne CO2 zusätzlich drei Quadratmeter arktisches Meereis kosten. Da möchte ich jetzt nicht wissen, wie groß unser Fußabdruck dieser außergewöhnlichen Reise war. Was mich wiederum beruhigt ist, wir haben viel und hautnah über die Lebensbedingungen der Kaiserpinguine gelernt. Persönliche Erfahrung ist auch für einen Wissenschaftler etwas völlig anderes, als nur darüber zu lesen um sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Nicht nur meiner Erfahrung nach ist das in der Tierökologie so und gilt an sich für alle Feldarbeit, egal ob Biologie oder Geologie*. Jetzt bin ich also gewappnet meinem Königspinguin Artikel (Kostrzewa 2011) einen über die Ökologie der Kaiserpinguine folgen zu lassen. 15 der 17 Pinguinspezies haben wir bis jetzt im Nisthabitat erlebt. Es fehlen noch zwei Spheniscus Arten: der Humbolt- und der Brillenpinguin, jeweils in Chile und Südafrika. Die laufen uns aber nicht weg…

*Prof.Dr.Heinrich Walter, Botaniker und Vegetationsökologe (1898-1989), ein weltweit gereister Forscher, schrieb dazu schon im Vorwort seines Standartwerks „Vegetation und Klimazonen, die ökologische Gliederung der Geo-Biosphäre“, (Stuttgart, 2.Aufl. 1979) 1970: „…Ökologie kann nicht aus Büchern oder im Laboratorium erlernt werden. Das Labor des Ökologen ist die Natur – und sein Arbeitsfeld die ganze Welt.“

Die glücklichen Autoren auf dem Packeis des Base Camp zu Beginn der dritten Snow Hill Kolonie Wanderung bei strahlendem Sonnenschein mit heftigem Wind...           Foto © Achim Kostrzewa

 

Nach getaner Arbeit am Ende der Reise gehen wir bei "Ramos" in Ushuaia traditionell seit 1996 immer wieder Kaffee trinken...   Foto © Achim Kostrzewa

 

 

Text und Fotos © Achim Kostrzewa, weitere Fotos © Renate Kostrzewa, keine Kopien oder Weiterverbreitung ohne unsere schriftliche Genehmigung

Frank S. Todd, Susan Adie, John F. Splettstoesser: First Ground Visit to the Emperor Penguin Aptenodytes Forsteri Colony at Snow Hill Island, Weddell Sea, Antarctica . In: Marine Ornithology 32, 2004, S. 193–194