Ultramarine – Spitzbergen Tagebuch Juni 2022

 

Unsere Reise findet meistens bei bedecktem Wetter statt: hier eine Ausnahme morgens in der Hinlopenstraße. Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

 

Weitere Fotos folgen, sowie sie bearbeitet sind, wahrscheinlich erst im Oktober, da wir jetzt zu einem Grönlandaufenthalt aufbrechen !

 

Im August 2000 waren wir auf Einladung von Hapag Lloyd auf der Bäreninsel und haben die Insel Spitzbergen bereits mit der Bremen umrundet. Nun wollten wir auf dieser Reise drei Dinge sehen (Renate war als Lektor noch zweimal mit der Berlin auf Spitzbergen und zusammen waren wir 2015 mit der Deutschland als Lektoren im Isfjord bis zum von Post Gletscher und in Barentsburg):

Die Ultramarine (quarkexpeditions.com) ist derzeit einer der modernsten eisgängigen Expeditionskreuzfahrer, kein Eisbrecher, kann aber bis zu 80% Treibeis bewältigen. Sie hat computergesteuerte Stabilisatoren, die das Reisen äußerst angenehm machen und kein Vergleich zu den alten, starren Stabilisationssystemen darstellen: Rollen findet so gut wie kaum noch statt; Stampfen kann durch Geschwindigkeitsanpassung an die Wellenabstände gut vermieden werden. Dies ist eine riesige Zunahme an Komfort für empfindliche Gäste. Die meisten Kabinen sind mit Balkonen versehen und standardmäßig 28 qm groß, die auf Deck 3 ohne Balkone haben auch eine Fläche von 28 qm mit einer schönen, kompletten Sitzgruppe. Alle Kabinen haben Klimaanlage mit einer wirklich tollen Belüftung !

 

Unsere Reiseroute   © Quark Expeditions

 

10.6. Abreise

Wir fahren morgens um 9:00 zum Rathaus in unser Städtchen und machen den Antigen Schnelltest fürs Schiff. Dauer mit Fahrt 1 h. Am Tag zuvor hatten wir um 10:00 in Mechernichs „Coronapoint“ den PCR-Test gemacht, weil der um 22:00 spätestens um 24:00 vorliegen würde. Hat auch geklappt:  21:34 war er auf dem Mail. Das Testen selber ging ratz fatz, war ja vorher angemeldet, mit Fahrt 1:10 h.

Dann sind wir 13:30 von Zuhause los über die A61-46, 44 und 52 zum Parkplatz und von dort mit dem Shuttle direkt zum Flughafen, um 15:15  waren wir da, aber der versprochene SAS Self Service Schalter für das Gepäck gab es gar nicht. Schalter 101 wurde erst gut 2 h vor dem ersten Flug um 18:30 nach Kopenhagen geöffnet, wir standen parat in der ersten Reihe und waren sofort dran. Bis zum Vordringen zur endgültigen Sicherheitsprüfung haben wir dann 1,5h in der Schlange gestanden, nach 2h waren wir endlich da durch. 20 min vor Boarding dann am Gate. Das alles für 1,5 h Flug nach Oslo!

 

Wir überfliegen gerade den äußersten Norden von Norwegen, Festland adé.                                                                            Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

In Oslo direkt gegenüber vom Terminal das Flughafenhotel mit dem Treffpunkt. Wir schienen die letzten der Gruppe zu sein. Der Gruppenschalter war längst zu, Anrufen im Zimmer der Quark-Betreuer führte zu keinem Ergebnis.

 

11.6. Oslo-Longyearbyen

Ankunft in Longyearbyen Airport.                                   Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

 

Morgens stellte sich heraus, dass das Hotel vergessen hatte, uns beim Einchecken einen Brief der Quarkmannschaft auszuhändigen mit Informationen für den Flug nach Longyearbyen, der erst eine Stunde später stattfinden sollte. So haben wir dann schon um 6:00 gefrühstückt und die Betreuer per Telefon aus dem Bett geklingelt, als zum Treffpunkt niemand kam. Endlich im Terminal angekommen, lasen wir auf der Anzeige, dass der Linienflug der SAS für den Morgen schon abgesagt war. Unser Charterlug sollte aber verspätet stattfinden, hurra. Aber zu früh gefreut, wie wir später feststellen mussten. In Longyearbyen wurde unser Gepäck gleich auf Kabine spediert, auch unseren Gerätekoffer konnten wir an der Rezeption abgeben und nur mit dem Kamerarucksack bewaffnet gleich zum Lunch gehen. Unsere Kabine war dann nach dem Essen schon fertig, schön groß, mit richtiger Sitzgruppe, aber ohne Balkon. Bad auch ganz prima, gute Klimaanlage, viel Platz in den Schränken. Die bestellten Parkas lagen auch schon bereit, aber es schien ja noch die Sonne. Wir legten uns nach einem Rundgang über das neue Schiff, erstmal hin und rechneten damit, jetzt bald auszulaufen. Aber es tat sich nix.  Auch zum Abendessen lagen wir noch immer im Hafen. Jetzt hieß es, die zweiten Gruppe (von >40 Paxen) komme jetzt erst aus Oslo an, mit dem Abendflug der SAS! Die haben sie also morgens einfach stehenlassen, wahrscheinlich weil der Flieger nicht voll genug war. Auch unser Reisebüro in Deutschland (Polaris-Tours, Frau Freier, sehr zu empfehlen) hat uns für verschiedene Trips immer wieder neue Flüge vermeldet. Bei der letzten Antarktisreise im Dezember wurden wir dreimal auf andere Airlines umgebucht, bis es endlich klappte…

 

Longyearbyen liegt in einer Seitenbucht geschützt im Isfjord. Links liegt das neue Arbeitsschiff des norwegischen Gouverneurs von Spitzbergen.  Pano-Foto: © Achim Kostrzewa 6/22   bitte nach rechts scrollen!

 

Heute steht nur noch die allg. Infoveranstaltung und der Rettungsboote Drill an, irgendwann vor dem Abendessen. Wenn ich die geschlossenen Boote für jeweils 50 Paxe schon sehe, bekomme ich Platzangst, um da einzusteigen. Ich brauche dann mindestens ne Valium 10 und vorher sollen wir auch noch den sperrigen Überlebensanzug überstülpen, brrrr. Wir sind noch auf einen Sprudel in der Lounge auf Deck 7 und gehen dann zu Bett. Von wegen "Sprudelwasser" (zur Not auch Tonic) unser Lieblingsdrink auf Schiffen: ohne Alkohol läuft man viel weniger Gefahr Seekrank zu werden! Mehr als ein kleines Glas Wein zum Dinner gönnen wir uns daher nicht.

 

12.6.

Um Mitternacht geht es endlich los. Wir liegen längst im bequemen Bett, haben die Kabine auf 17°C eingestellt und schlafen. Ablegen, wir merken nichts. Um 4:00 werde ich wach, gucke raus, wir fahren und das ziemlich schnell. 15 Knoten schätze ich mal. Die See ist ruhig und vom Schiff hört man fast gar nix. Ein Hoch auf die modernste Schiffsbautechnik: Als wir 2007 mit der ebenfalls flammneuen Fram unterwegs waren, ratterte die Ankerkette mitten durchs ganze Schiff, die Maschine war auch sehr gut zu hören und die 12 qm Containerkabinen waren schlecht belüftet. Es tut sich was in Richtung Qualität. Die Reisen in den „alten“ Schiffen wie z.B. die Plancius (siehe 2020) sind fast genauso teuer, aber viel weniger erholsam!

Der Vormittag ist verschiedenen Briefings gewidmet: Vorstellung des großen Expeditionsteams, Verhalten an Land bei Eisbärenalarm, Schutz von historischen Gebäude, Pflanzen und Tieren. Die Kajakfahrer und Kanuten werden eingewiesen, nicht passende Stiefel & Parkas können nochmal getauscht werden: meine Stiefel sind ausgelatscht und scheinen verschieden groß, die Neuen passen perfekt. Renates Parka wird in die Größe Male L von Female L getauscht, wie ich es auch bestellt hatte. Sie hat immer so viele Schichten drunter, dass sie diese Größe braucht. Zwischendurch sitzen wir auf Deck 5 am Heck und fotografieren Eissturmvögel. Dann wird auf Höhe des Prins Karls Vorland erst ein schwimmender Eisbär entdeckt und auch noch einer weit weg auf einem Schwemmfächer an Land. Das Schiff stoppt. Wir gucken mit Ferngläsern und Spektiven. Es sind, wenn wir durch Eis oder in Landnähe fahren, immer Eisbärausgucke auf den Decks 5 + 7. Die Eisbären sind ja ein erklärtes Ziel unserer Reise. Außerdem sind drei Fotografen an Bord, die den Paxen beim Bildermachen helfen und auch Vorträge halten. Wenn ich so einige mit ihren Kameras hantieren sehe, ist das auch bitter nötig.

 

   

Fotografieren auf Deck 5: man sitzt im bequemen Drehstuhl und hat die Vögel direkt vor sich Foto: © Renate Kostrzewa  Eissturmvogel etwas über Augenhöhe.  Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

Zum Schluss noch das Briefing für den Nachmittag zu unserer ersten Zodiac Tour im Krossfjord und dann ist auch schon Lunch. Da gibt es immer ein sehr abwechslungsreiches Buffett. Danach machen wir uns fertig. Die Ausbootung wird in vier Gruppen gemacht, wir sind die „Arctic Foxes.“ Diese vier rotieren bei jeder Zodiacoperation. Wir werden aufgerufen, gehen auf Deck 2 in die beiden „Ready Rooms“. Wir sind in „A“ dort sind unsere Stiefel und die passende Schwimmweste in individuellen Fächern untergebracht, meines ist A18. Da ziehe ich meine HellyHansen Zodiac Hose (Latzhose, sonst zu warm) erst über die Stiefel an, Parka und Schwimmweste drüber und fertig. Dann geht man zum Auschecken mit der Zimmerkarte in einer durchsichtigen Außentasche der Jacke und stellt sich in die Reihe. Je nach Wind und Wellen werden dann 8 oder 10 Paxe ins nächste Zodiac geladen, die Plattform erlaubt zwei gleichzeitig abzufertigen. Das geht genial schnell. Wir machen das nun seit 27 Jahren auf vielen verschiedenen Schiffen, früher auch als eingeladene wiss. Lektoren und haben da einen guten Vergleich. 10 Minuten nach dem Aufruf der „Foxes“ kommt schon die nächste Gruppe, die „Kittiwakes“, dran. Innerhalb einer ¾ Stunde sind alle 130 Paxe in den Booten. Die anderen Gruppen heißen „Polar Bear“ und „Walruss.“ Vor dem Restaurant hängt eine Namensliste mit Kabinennummern, damit auch jeder Döspaddel weiß, wo er hin gehört.

Es ist ein bisschen windig, so bis 30 km/h, 2°C und wellig. Ich versuche immer vorne zu sitzen, da wird man zwar nass, wenn es spritzt, hat aber die beste Fotoposition. Heute, entlang des Lillyhöök Gletschers, brauche ich nur eine Kamera mit 24-120mm in meinem erprobten Loewe Bumbag. Der ist zwar nicht wasserdicht und schwimmfähig, aber seit über 20 Jahren schützt er seinen Inhalt zuverlässig vor Regen und Spritzwasser. Der Gletscher selbst hat immer noch eine Front von 7 km, aber in den letzten 100 Jahren gut 40% seiner Masse verloren. Rechts vor einem Toteisfeld gehen wir anschließend an Land. Dort gibt es schon rudimentäre Vegetation und viel Grundmoräne aus rund geschliffenem Schotter. Einige Paxe gehen bis auf den verschmutzten Gletscher, wir gucken lieber Pflänzchen und machen Landschaftsfotos. Die Tour dauert 1,5 h, um 18:00 sind wir wieder an Bord. Dies ist eine sog. "Perimeter landing", die Eisbärwachen stehen auf erhöhtem Terrain und halten Ausschau, wir Paxe dürfen in dem gesicherten Bereich zwischen den Wachen umherwandern. Das hab ich am liebsten, dann hab ich Zeit und Muße für meine Fotos. 

Landgang am Lillyhöök Gletscher.         Pano-Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

 

         

 

       

Zodiactour am Lillyhöök Gletscher.  Die Ultramarine ist ein schickes aber auch sehr funktionales Schiff.       Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22

Ein Eisberg aus stark komprimiertem, blauen Gletschereis.            Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

Teile des Lillyhöök Gletschers liegen unter Moränenmaterial, man nennt dies "Toteis."  In den Erosionsrinnen der Berge hält sich der Schnee länger als auf den flachen Hängen. Pano-Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

 

18:30 Recap und Briefing wie es weitergeht: nach dem Abendessen geht es nochmals in die Zodiacs. Auf der Ostseite des Krossfjords liegt die Julibukta mit dem 20.Juli Gletscher. Um 21:30 sind wir im Zodiac und fahren an einer steilen Klippe mit Vogelkolonie vorbei. Hier brüten sogar noch einige Papageitaucher (am nördlichen Rand ihres Verbreitungsgebietes) in den Felsspalten, da es keine Erde mit Grasdecke gibt, in denen sie ihre Baue graben könnten. An der steilen Klippe brüten viele Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen. Eine Stunde später sind wir wieder am Schiff, prima das wir Mitternachtssonne haben: immer genug Licht für Exkursionen und Fotos, selbst wenn es 100% Wolkendecke hat... Wir verschwinden schnell im Bett.

 

    

    

Abends schippern wir noch an den Klippen in der Julibukta vorbei: reichlich Seevögel zu sehen. Papageitaucher und Dickschnabellummen.   Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22

 

13.6.

Unser zweiter richtiger Exkursionstag: Nordvestoyane. Wir fahren hier von 10-11:30 Zodiac: 0°C und bewölkt, kein Meereis mehr da, so auch keine Eisbären. Auf der letzten Reise hat die Ultramarine hier noch Meereis gehabt mit Eisbären! Aufgrund der weit überdurchschnittlichen Temperaturen im Mai, ist das Eis zu früh verschwunden. An Land große Krabbentaucher Kolonien, man sieht immer große Gruppen fliegen, Eiderenten, 1 Prachteider, 2 Papageitaucher (einer gut beim Abflug zu fotografieren), Gryllteisten, Dickschnabellummen, Eissturmvögel (dunkle Phase), Schneeammern. Im Zodiac spritzt es etwas, Geologe Austin Hart fährt nicht so gut. Erklärt uns aber, dass der anstehende Fels hier  700 Mio. Jahre ist: Gneis, Granit und Sediment…

Mittags gibt es Crepe Suzette mit Eis zum Nachtisch, Renate jubiliert.

Um 13:30 erreichen wir den Raudfjord. Die geplante Zodiactour in der Hamiltonbukta fällt aus: zuviel Eis! Wir kreuzen im Fjord und suchen Eisbären, haben aber keinen Erfolg. Auch in östlicher Richtung suchen wir, dort ist aber kein Eis mehr da. Also gibt es nachmittags einen historischen Vortrag und abends erzählt "Gordo" von seinen Erfahrungen von einem Jahr Leben und Arbeiten in Longyearbyen, sehr humorvoll & kurzweilig.

 

Zunächst sollte Moffen in der Nacht passiert werden. Ich überzeuge nachmittags Solan, unseren Expeditionsleiter davon, dass ich die Sandbank unbedingt sehen möchte, also bitte bei uns rechtzeitig zu jeder Zeit in der Nacht anrufen. Wir waren mit der Bremen im Jahr 2000 schon mal hier und hatten tolle Beobachtungen gemacht. Im Laufe des Abends ergibt sich, dass wir diese ausgedehnte Sandbank schon um 22:30 erreichen werden, und schwupp wird ein Tagesordnungspunkt daraus: 22:30-23:30 wir liegen vor Moffen und gucken Walrosse… Die größere Gruppe umfasst ca. 30 Tiere, die Hanseatic Nature ist auch da. Wir lassen uns treiben und halten die geforderten 300 Meter Abstand. Vor 22 Jahren waren wir aber deutlich näher dran und damals hat es die Walrosse nicht gestört. Aber jetzt in 2022 sind mindestens sieben Schiffe unterwegs, damals waren wir alleine...  Müde und glücklich fallen wir Mitternacht ins Bett.

 

14.6.

Heute geht es in die Mündung der Hinlopen Straße, die die Hauptinsel Spitzbergen von dem östlich gelegenen, flacheren Nordaustlandet trennt. Während des Frühstücks - wir gehen immer so gegen 7:30-7:45, bemerkt das Team am Ausguck zwei Eisbären am Strand: einen großen und einen kleineren. Mutter und Kind ? Wir drehen bei und bleiben erstmal dort. Bis 10:00 wird der Tagesplan umgeworfen: wir machen eine Zodiactour zu den beiden, die immer noch faul an Land rumliegen. Diesmal sind die "Arctic Foxes" die letzten, wir sitzen um 10:30 im Boot. Ich habe Glück und die richtige Fotoposition vorn. Mit den Beobachtungen funktioniert das so: die Boote sind mit ca. 8 Leuten bemannt, wir haben nur sieben und fahren an der Küste lang, biegen dann aufs Meer raus und fahren in einem weiten Kreis zurück. So sind wir 17 Boote in ca. 50 Metern Anstand zueinander und tuckern leise und langsam insgesamt achtmal bei den Bären vorbei, die sich nicht um uns kümmern und die meiste Zeit pennen/dösen. Feinde haben sie hier keine, sie sind vom Gesetz geschützt, anders als in Grönland, wo sie von den Einheimischen per Quote gejagt werden dürfen. So kommen wir zu einigen schönen Aufnahmen. Sind aber doch ziemlich weit weg. Auch hier gilt ein Mindestabstand zum Boot: Man soll die Tiere nicht stören. Aus der kürzeren Distanz sieht man, das es sich um ein Männchen und ein junges Weibchen handelt. Es ist ziemlich frisch hier, minus 1,5°C mit Wind, nach 1,5 Stunden sind die meisten im Boot durch gefroren. Wir fahren so ziemlich als letzte zurück. Zwischendurch verladen wir eine frierende Frau in ein anderes Zodiac was schon auf dem Heimweg ist. Um 12:00 kommen wir dann wieder zum Schiff. Das Ausharren hat sich gelohnt: als fast alle schon zurück sind, steht der Bär auf und streckt sich genüsslich. Die 500 Aufnahmen zuvor, kann ich nun himmeln. Was solls...

 

 Bärenkarussell: immer im Kreis achtmal bei den Bären vorbei. Vom Zodiac aus ist die Perspektive gut, die Nähe könnte besser sein. Vom Schiff aus ist es ein Suchbild.   Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22

 

Kleiner Fotoexkurs: Es gibt auch eine kleine Gruppe von Geübten unter uns, meist ältere Japaner, die ähnlich praktisch ausgerüstet sind wie ich. Auf unserem Zodiac gebe ich schon mal Tipps, wenn ich sehe, dass das so nix gibt; an Bord halte ich mich da raus. Ein netter Japaner sitzt neben mir im Zodiac, als wir den Eisbären an Land fotografieren wollen, er hat ein VR 200-500mm mit 2x Konverter auf einer D850. Vom wackeligen Zodiac aus kann das meiner Erfahrung trotz Stabilisierung nix werden. An Bord gefragt, bestätigt er das, alle Aufnahmen mit 1000mm sind unscharf, die ohne Konverter jedoch brauchbar, na also...

Viele haben Bridgekameras, einige auch Spiegelreflexe oder ganz moderne Spiegellose Canon R, Nikon Z, viele Sony, eine Fuji XT-4 findet sich auch sowie eine Olympus mit 4/300mm. Für mein Empfinden sind Vollformate mit 24-105 o. 120 und ein 100-400 (Nikon F 200-500, Sony 200-600) an zwei gleichen Gehäusen für die Fotografie hier am besten geeignet (vgl. mein Bericht in  http://www.photographylife.com/going-to-antarctica ).

 

    

Für gute Fotos braucht es auch einen Partner, der gut beobachten kann und im Falle eines Falles für freies "Schußfeld" sorgt.  Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22

       

Fotografieren vom Zodiac aus oder vom Schiffsdeck erfordert verschiedene Technik. Vom Zodiac mit aktivem VR und 420mm Festbrennweite und mind. 1/1000 sec. bei bis zu 10 B/s. Vom gut stabilisierten Schiffsdeck der Ultramarin aus - Stativ mit 280-560mm, VR on "normal", da gehen auch die 1/500 bei langsam schwimmenden Walen. Fotos: © Renate Kostrzewa 6/22

Papageitaucher fliegt parallel zum Zodiac ab: erst läuft er ein Stück auf dem Wasser, wird schneller und hebt dann ab. Nikon D4, 420mm, 1/1.500 sec. Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22

 

Nachmittags finden wir eine Herde von ca. 10 Blauwalen: die blasen dreimal, dann tauchen sie wieder für längere Zeit ab. Typisch, sie zeigen keine Fluke beim Abtauchen, man sieht nur die kleine Rückenfinne. Bei denen bleiben wir etwa eine Stunde. Dann zur Kaffeezeit wieder ein Eisbär, der auf seinem halb im Schnee vergrabenen Riss liegt. Als er aufsteht zum Fressen, sieht man deutlich seine Schulterblätter, d.h. er ist ziemlich dünne. Gegen 18:25 frisst er wieder bis ca. 19:00. Ganz offensichtlich sehen wir den Brustkorb einer Robbe. Dann schläft er wieder. Drei Eisbären und gut 10 Blauwale, ein ganz erfolgreicher Tag, heute. Wir machen Recap und Dinner, der Bär ist noch immer da und frisst weiter seine Robbe. Dann hat er genug und geht landeinwärts. Weiter oben steht ein Rentier, was den Bären aber nicht interessiert. An seinen Fraßresten tummeln sich jetzt Möwen und eine seltene Elfenbeinmöwe. Wir liegen immer noch in der Nähe des Lomfjords am Kap Fanshawe. Fotos davon hatten wir schon von der Bremen gemacht. Der Plan für Morgen ist der Sorgfjord und das Alkefjellet, wir werden aber jeden Bären beobachten, den wir finden können.

 

15.6.

Wir frühstücken heute schon um 6:30, denn wir machen eine Zodiactour vorbei am Alkefjellet, der größten Vogelklippe hier an der Hinlopen. Luft 0°C, 15Kn Wind und Swell, das könnte feucht werden auf dem Zodiac. Ich packe den Bumbag mit der kleinen Nikon mit 24-120er und einen Drybag mit der großen Nikon mit 300er plus 1,4x Konverter für die Vögel. Es empfiehlt sich bei solcher schaukeligen Angelegenheit nicht Objektive zu wechseln oder sonstige fotografischen Kapriolen zu machen. Direkt an den Klippen ist es ruhiger und man kann ganz gut fotografieren. Hier brüten überwiegend Dickschnabellummen und Dreizehenmöwen. Wir sehen auch wenige Trottellummen, Gryllteisten und zwei Skuas. Auch hier waren wir mit der Bremen viel näher an der Klippe selber, haben dafür aber damals keine Zodiactour gemacht.

  

 Eine ganze Felswand voller Dickschnabellummen. Jeder ausreichend breite Felsvorsprung wird ausgenutzt um ein Ei darauf zu legen. Wir sind für die Jungen noch zu früh. Weiter oben brtüten dann die Möwen. Nur die Dreizehenmöwen können ihre Nester auf kleine Felsvorsprünge quasi an die Wand kleben. (Foto dazu fehlt noch)   Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22

 

Tom Hart, der Seevogelspezialist aus England liest zusammen mit seiner Doktorandin Alice Edney Daten aus einem hier seit einem Jahr installierten Beobachtungssystem aus, daß einen Kolonieausschnitt mit Kameras erfaßt. Zwei Quark Guides als Eisbärwache sind dabei. Die beiden erläutern in einem interessanten Vortrag ihre Arbeitsmethoden.   Foto: © Achim Kostrzewa 6/22

 

Wir sind wieder etwa 90 Minuten mit Noah im Zodiac unterwegs. Das Schiff dreht den Bug in den Wind, damit wir trocken am Heck anlegen können. Um 10:45 sind wir wieder zu Hause auf Kabine und schälen uns aus unseren vielfältigen Hüllen. Um 11:30 fahren wir wieder nach Norden aus der Hinlopen Sraße, um zu den Sieben Inseln, den Sjuoyane Inseln zu fahren, die noch nördlich des Nordkapps der Nordaustlandet Insel gelegen sind. Wir hoffen auf Eisbären !!! Der Sorgfjord fällt leider flach, da waren wir aber schon 2000 mit der Bremen. Gegen 17:00 haben wir die Mündung der Hinlopen wieder erreicht und um 18:40 kommen wir ins Treibeis und tuckern mit 5 Knoten weiter. Vor der Lounge auf Deck 7 sind jetzt die Eisbärwachen fest etabliert und frieren vor sich hin hinter ihren Spektiven. Die Eisschollen sollten hin und wieder von Robben besetzt sein, die wiederum von den Bären bejagt werden, es ist aber nix zu sehen!

 

16.6. (5. Expeditionstag)

Soweit nördlich - bei gut 80° - ist die Ultramarinee noch nicht gewesen, es sind nur noch knapp 1300 km bis zum Nordpol !   Wir parken windgeschützt zwischen den Inseln und bereiten uns auf eine Zodiactour vor. Das Meereis hat die Inseln freigegeben, aber es gibt noch Festeis an den Ufern und auch Treibeis. Schon vom Schiff aus sehen wir kleine Grüppchen von Walrossen. Um 10:15 geht es für unsere Gruppe los, es ist um die Null Grad Celsius und mehr oder weniger windig zwischen den Inseln. Tom unser Zodiacfahrer und Guide, versucht möglichst im Windschatten zu bleiben, aber es spritzt. Daher habe ich wieder den Bumbag und den Drybag dabei. Die große Kamera brauche ich ja für Walrosse und Vögel. Wir finden eine schöne Walrossgruppe mit zwei Jungtieren und können schöne Fotos machen. Einzig der Himmel bleibt bewölkt. Auf unserer Rundfahrt zwischen den Inseln finden wir noch ein altes Walross schwimmend, man sieht leider die Stoßzähne nur wenig. Zahlreiche Gryllteisten schwimmen auf dem Meer, aber nur wenige Dickschnabellummen.

 

Im Zodiac zwischen den Seven Islands. Weiter nördlich geht es auf dem Spitzbergen Archipel nicht mehr.              Pano-Foto: © Achim Kostrzewa 6/22   bitte nach rechts scrollen!

 

Unseren 6. Eisbären finden wir um 13:15 schwimmend, der geht dann an Land und latscht über einen Schwemmfächer. 15:30 in der Lounge Kaffee trinken. Stehen mit dem Schiff auf der Ostseite von Phippsoya, viel Festeis hier. Expeditionsteam testet, ob das Eis eine Anlandung auf dem Meereis ermöglicht, ist aber nicht sicher genug. Um 18:30 fahren wir mit Manda durch die Eislandschaft bei 80°43'32,9". Jetzt sind es nur noch 1.100 Km zum Nordpol, wir haben die nördlichsten Ausläufer des Archipels Spitzbergens erreicht. Nach der Zodiacfahrt wird der berühmt berüchtigte "Polar Plunge" durchgeführt: etwa 40 Passagiere nehmen Teil bei einer Wassertemperatur von etwa 1°C, brrrr. Ich sehe manche aus der Sauna kommend, springen, das gilt nicht!

Um 20:30 machen wir noch eine abendliche Eisfahrt zwischen den Inseln: auf einer Scholle befinden sich 5 Walrosse, die aber ins Wasser gehen, als wir sie passieren, kann nicht mehr fotografieren, komme zu spät. Einigermaßen schönes Abendlicht. Mache ein paar Panoramaphotos...

 

17.6.

Wir fahren in der Nacht zum Nordkap des Nordaustlandet und liegen morgens geschützt  im Beverlysundet: Wir machen eine ausgedehnte Zodiactour (9:20-12:00). Viele Seevögel sind auf dem Wasser und wir sehen auch eine Bartrobbe. Krabbentaucher direkt neben dem Boot bieten mir gute Fotomöglichkeiten. Die Reisekollegen im Boot beachten sie kaum und ich habe keine Lust es ihnen zu erklären. Liliane hat in ihrem Vortrag deren ökologische Bedeutung für die Natur ganz gut dargestellt. Immerhin gibt es in der gesamten Arktis an die 80 Millionen davon. Leider sind die spezielleren Vorträge nicht so gut besucht, es ist mir allerdings nicht klar, wie viele Gäste von der Kabine aus über den Fernsehkanal zuschauen. Nach der ausgedehnten Zodiacfahrt machen wir noch einen kurzen Perimeter Landgang in der flachen Bucht, wo in den 1930/40er Jahren eine deutsche Expedition angelandet ist. Leider haben sie auch ein mit Steinen ausgelegtes Hakenkreuz hinterlassen. Wir machen Fotos mit der Arktisfahne zum Abschied. Das Licht ist hier etwas besser für Landschaftsaufnahmen.

 

Am nördlichen Ende der Insel Nordauslandet, der Beverly Sundet.           Pano-Foto: © Achim Kostrzewa 6/22   bitte nach rechts scrollen!

 

Mittags dreht die Ultramarine nach Westen. Die Umrundung der Insel Nordaustlandet ist wegen des Meereises im Osten nicht möglich. Der Kapitän hat neue Eiskarten bekommen (das Internet läuft so weit im Norden kaum noch, daher via Satellit), die auch eine gewisse Gefahr für das Passieren der Hinlopenstraße bedeuten. Bei zuviel Treibeis könnten wir uns festfahren oder müssten auf halber Strecke wieder umkehren. Das würde den Zeitplan arg strapazieren. Nachmittags gibt es einen großen ornithologischen Vortrag der beiden Oxford Wissenschaftler, die an Bord sind. Dieser wird unterbrochen, weil wir an zwei großen Eisbergen nah vorbeifahren. Um 20:00 erreichen wir wieder die Mündung der Hinlopen:

 

 

Zweimal Hinlopenstraße: Im Treibeis bei Sonne und hinter dem Treibeis bei dem eher typischen Wetter aus Wind, Wolken und auch Schneeregen.   Pano-Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22

 

18.6.

Morgens leuchten die Eisschollen in der Sonne. Um 10:00 sollen wir mit den Zodiacs, den Kanus und Kajaks alle raus in den Sonnenschein: Doch es kommt anders. Es zieht Seenebel auf und wir müssen die Exkursion wieder abblasen. Wir setzen uns statt dessen auf Deck 7 hinten auf die bequemen Stühle und schauen, was es noch so auf den Eisschollen im Nebel zu sehen gibt, z.B. zwei faule Walrosse. Am Rand des Nebels sehen wir auch die Commandant Charcot von Süden kommend. Nach dem Mittagessen werden wir alle ins Theater gerufen, es gibt gute und schlechte Neuigkeiten:

Die Stimmung ist erstmal gedrückt, es kommen Fragen nach den Eisbärensichtungen auf (Thema der Reise), die im Süden eher weniger wahrscheinlich sein werden oder ob jetzt die Walrosse im Mittelpunkt ständen. Das wäre so in der Ausschreibung der Reise nicht vorgesehen gewesen... Unser Expeditionsleiter reagiert bis zum Recap auf diese Hinweise, indem er die Eisbärenwache auch über Nacht, also jetzt in drei Schichten einteilt. Die Guides tun mir leid, auch wenn es nicht dunkel wird, nachts ist es doch deutlich kälter und viel bringen wird es nicht, meiner Meinung nach.

 

   

Wir lassen uns die Stimmung nicht vermiesen: auf so einer Expeditionskreuzfahrt passiert immer irgendwas... Unser EL Solan Jensen gibt vom Äußeren her gern den Troll, ist aber eine gute Seele. Teile der Paxe landen auf einer dicken Eisscholle an.   Fotos: © Achim Kostrzewa 6/22 & © Quark Expeditions

 

Der Nebel lichtet sich wieder und wir machen nach dem Kaffee eine zweistündige Zodiacfahrt durch die Eisschollenwelt. Wir finden eine Walrossmutti mit einem älteren Jungen, dem schon kleine Stoßzähnchen wachsen. Bei Sorponten landen wir auf einer dicken Eisscholle und machen Fotos, wieder mit der blauen Arktisfahne. Nach dem Dinner und Recap um 21:00, sind wir in der Panoramalounge, schöne Lichtstimmung.

* Covid an Bord: 2 Paxe haben sich wohl während der Anreise infiziert, die anderen dann an Bord, da wir nie wieder Kontakt zu anderen außerhalb des Schiffes hatten! Wir persönlich halten uns an Bord auch sehr ans Protokoll, nur beim Essen keine Maske am Tisch zu tragen. Damit wir nicht mit anderen dabei in Kontakt kommen, haben wir uns einen Zweiertisch organisiert. Reden mit Anderen können wir draußen, im Zodiac oder an Land, da bläst immer ein guter Wind. Es gibt drei Gruppen an Bord, die ihre eigene Blase bilden sollen: die Crew samt Hotelpersonal, die Offiziere und Lektoren und die Paxe. Das scheint ganz gut geklappt zu haben, die ersten Infizierten können sich nach 5 Tagen wieder frei testen lassen. Die Schiffärztin aus Kalifornien hat alles gut im Griff. 

 

19.6.

Wir haben über Nacht die eisige Engstelle in der Hinlopen passiert und sind jetzt weiter nach Süden unterwegs. Um 6:55 schmeißt uns der Kapitän aus dem Bett: Eisbäralarm !  Expeditionsleiter Solan berichtet über die PA, dass der Eisbär noch weit weg sei und wir erstmal frühstücken sollen, es würde eine Zodiacfahrt geplant und wir würden uns mit dem Schiff weiter annähern...  Um 8:00 wird ein Scoutboot ausgesetzt, um zu schauen, ob der Bär vom Boot aus zu sehen sein wird, leider nicht. Daher bringt der Kapitän das Schiff näher an die Küste, so dass wir von Deck 5 + 7 aus bequem beobachten können. Unser Ziel entpuppt sich als drei Bären, eine Mutter mit zwei Jungen. Wir sind mittlerweile am Osteingang des Freeman Sundes angelangt und bleiben vorläufig hier zum Beobachten. Wir machen es uns hinten auf Deck 7 auf den Deckstühlen bequem. Kamera und Stativ sind bereit, die Bären sind verdammt weit weg. 

Am Nachmittag machen wir die geplante Zodiactour am Kapp Waldburg (Barentsoya) und gehen an einem schmalen Tal an Land. Hier ist eine schöne Dreizehenmöwen Kolonie beheimatet, in der Tom Hart wieder eine Kameraüberwachung installiert hat, die Datenträger werden getauscht. In der Schwemmebene laufen Rentiere herum. Neben der Kolonie tauchen zwei Polarfüchse auf, die die Kolonie als ihren Supermarkt betrachten. Nach 1:45 h fahren wir wieder zurück und sind zum Lunch parat. Es geht weiter nach Westen durch den Freeman Sund zwischen den Inseln Barentsoya und Egdeoya. Um 15:30 wird wieder ein Eisbär gesichtet, der von uns wegschwimmt, schwer zu sehen wegen der Wellen. Um 16:30 erreichen wir Kapp Lee (Egdeoya) und besuchen dort drei Trapperhütten von 1904, die in unmittelbarer Nähe zu einer Walross Kolonie liegen. Bis kurz vor 20:00 sind wir an Land und beobachten die Walrosse am Strand und im Wasser. Damit wir möglichst viel Zeit dort beobachtend verbringen können, schließen wir uns der "kontemplativen" Gruppe an. D.h. wir wandern nur entlang des Meeres Richtung Walrosse, ohne kräftezehrende Umwege über steile Hänge zu nehmen, wo es nix zu sehen gibt. Unser russischer Lektor/Guide Grigory Tsidulko ist studierter Mariner Biologe und hat Eisbären wie Walrosse studiert, der kennt die besten Fotoplätze hier, da schließen wir uns an. Das Abendessen wurde etwas verschoben bis alle wieder an Bord sind, wir haben gerade noch Zeit uns aus den Klamotten zu schälen, Katzenwäsche zu machen und Essen zu gehen. Auch das Recap wird entsprechend nach hinten verschoben, auf 21:30. Wir sind ziemlich müde. Heute Nacht soll uns der Sturm oder seine Ausläufer endlich erreichen, der hier im Süden zwischen Nord-Norwegen und Spitzbergen die ganze Zeit getobt hat. Das Schiff umrundet die Südspitze Spitzbergens und liegt wie gewohnt ruhig. Wir merken kaum etwas davon.

 

20.6.

Morgens bläst es mit Spitzen von 40-60 Knoten. Wir versuchen uns im Hornsund zu verkrümeln, das gelingt nur teilweise. Die Küste ist in Nebel gehüllt, Die Wellen haben Schaumkronen. Keine Chance auf der windexponierten Nordseite in Isbjornhamna anzulanden. Dort liegt die polnische Station und eine große Studienkolonie von Krabbentauchern, die unsere Guide Liliana monatelang studiert hat. Da wären wir wirklich gerne angelandet, aber gegen dieses Wetter haben wir keine Chance: bei acht Windstärken kann man beim besten Willen nicht mit Gästen Zodiac fahren und schon gar nicht anlanden. So fahren wir tiefer in den Fjord und hoffen ein geschütztes Plätzchen vor dem SE Wind zu finden. Um 9:15 sehen wir zwei Buckelwale. Gegen 11:00 finden wir eine große Schule von Belugawalen bei Burgerbukta, die wir länger beobachten. Sie schwimmen an der Eiskante des Festeises entlang um Plankton zu fressen. Um 12:00 wird eine Zodiactour angeboten, damit alle mal an die Luft kommen. Es ist sehr kalt wegen des Windes und regnet zudem. Von den Walen sieht man eh nur den Rücken und so beschließen wir die Tour zu schwänzen. Eine Stunde später zieht auch noch Nebel auf. Gucken wir lieber um 14:45 Liliana Keslinkas Vortrag über die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit zur Ökologie und Verbreitung der Krabbentaucher in Westspitzbergen an. Später fahren wir bei Krykkjestupet an Land und können um die Ecke wandern, um einen Blick auf den Körberbreen zu erhaschen. Im Süden des Gletschers liegt der höchste Berg am Hornsund, der Hornsundtind. In einem kleinen See am Strand baden die Dreizehenmöwen der Kolonie im Süßwasser. Über den Gletscher fließt eiskalter Wind ins Tal, der mich fast von meinem schönen Sitzplatz, einem dicken Stein, bläst. Die Pflänzchen sind auch ganz interessant, aber es regnet wieder und alles wackelt im Wind, nichts für gute Fotos. Eines ist aber ganz klar: im Gegensatz zu den Sieben Inseln im Norden, wo kaum noch Leben zu finden war, ist hier echt was los: Augenscheinlich viele Seevögel und auch die zahlreichen Wale zeigen an, dass hier reichlich Nahrung im Fjord vorhanden sein muss. Lilianas Zählungen (Keslinka et al. 2019) der Seevögel vom Forschungsschiff aus bestätigen dies quantitativ.

Für den Abend sind die Gäste gefordert: Jaymie & Todd haben einen Abend mit den Titel "Tales from your fellow shipmates" organisiert. Jaymie hatte mich im Vorfeld bekniet einen Beitrag zu leisten, vielleicht von unseren früheren Reise rund um Spitzbergen. Dazu fehlen mir aber die Bilder, das ist schließlich über 20 Jahre her und alles auf Diamaterial. Nun hab ich mich breitschlagen lassen (Renate will nicht), kurz über unsere Reise mit der Khlebnikov zu den Kaiserpinguinen zu berichten und darf auch noch den Einheizer geben. Da habe ich noch einen kürzeren Vortrag auf meinem Laptop dabei. Dann haben sich noch drei Gäste gemeldet und zwei Lektoren werden auch zu Beiträgen verpflichtet. Wir hören Interessantes über Schlittenhunde, die aus McMurdo in die USA rückgeführt werden mussten, weil sie in der Antarktis nun verboten sind, über Geo-Caching, Camping im Physik-Camp auf der Beaufort See und einen ziemlich zusammenhanglosen Vortrag über Naturschutz in den Niederlanden. Manda hält einen engagierten Vortrag aus ihrer Coronazeit beim Retten von Flüchtlingen vor der libyschen Küste mittels eines schwedischen Schiffes. Ich frage sie später, wie sich ihr Blickwinkel auf den Tourismus dadurch geändert hat, sie reagiert eher einsilbig... Wir fallen müde ins Bett, vorletzter Abend.

 

21.6.

Heute ist Mitsommer, der längste Tag des Jahres, was man oberhalb des Polarkreises natürlich nicht bemerkt :-) .  Wir landen morgens in Gipsvika im Isfjord trotz 40 Knoten Wind und 5°C. Wir erreichen gegen 10:00 ein etwas windgeschütztes Plätzchen zum Landen. Auf der breiten Strandflate aus Schotter finden sich wieder viele einzelne Polsterpflanzen, Dryas blüht in größeren Mengen. Läusekraut entwickelt sich gerade und wir finden auch Polarweide und -birke. Das Stengellose Leimkraut blüht noch nicht. Die beiden Guides sind nicht gerade die begnadeten Botaniker, haben aber eine bebilderte Pflanzenliste dabei, so kommen wir mit ein wenig dt. Hilfe klar. Blühende Pflanzen bestimmen ist ja einfach, interessant wird es erst bei nur vegetativen Blättern. So entpuppt sich der "Labrador Tee" bei genauem Hinschauen als Dryas ohne Blüten. Vier Rentiere gucken uns interessiert zu. Es gibt eine teilweise zerstörte Hütte. Um 1900 wurde hier noch Kohle und Gips (Name!) abgebaut. Zum Lunch sind wir wieder an Bord und fahren tiefer in den Isford hinein bis zum Nordenskjöld Gletscher. Um 16:00 bietet das Expeditionsteam nochmal eine letzte Zodiacfahrt zu einer Strandflate an, die sieht genauso aus wie heute Morgen. Unsere Sachen sind gerade wieder schön trocken und wie verzichten - wie 50 andere Gäste auch - auf diese Exkursion...

Um 18:00 fangen wir an die Koffer zu packen, die morgens früh um 7:00 spätestens vor der Kabine stehen sollen. Um 18:30 gibt es auf dem Helideck einen Kapitänsempfang mit Sekt und Saft, das Gruppenfoto und etwas Musik. Wir liegen nahe beim Gletscher. 19:00 beginnt das Farewell Dinner mit Surf & Turf, lecker. Wir fahren nah an den Gletscher ran und ich mache noch ein paar Fotos, hier waren wir noch nicht, sondern nur im Nachbartal am von Post Gletscher 2015 mit der Deutschland. 21:00 letztes Recap im Theater: Das Expeditionsteam verabschiedet sich, das Hotelteam bedankt sich, die Paxe klatschen lange und anhaltend. Solan Jensen kommt nochmal bei uns vorbei und verabschiedet sich extra von uns. Er wird jetzt wieder nach Juneau reisen, um dort im Tourismus als Ranger und Bärenführer zu arbeiten, Er hat als Expeditionsleiter wirklich einen prima Job gemacht. Um 22:00 hauen wir uns zufrieden in die Falle.

Reisegäste und Expeditionsteam, links hinten der Mann in der gelben Warnjacke ist unser Kapitän. Wir sind ganz links im Bild.    Foto: © Acacia Johnson, Quark

 

22.6.

Ausbooten um 9:00, wir warten bis 9:30 auf den Bus, anschließend Museum. Es scheint die Sonne!  Nach dem Museumsbesuch gehen wir ins ziemlich neuerbaute Stadtzentrum mit einer Einkaufstraße, die 2015 nicht mal zur Hälfte bestand. Seit ein paar Jahren hat der Tourismus die von Norwegen subventionierte Steueroase (16% Einkommensteuer) übernommen und es herrscht Wohnungsmangel. Dafür haben die Gletscher rund um die Hauptstadt seit 1900 um sage und schreibe 90% an Volumen verloren !

An Land wird die An- und Abreise von Hurtigruten organisiert, Nix klappt. Die Busse kommen viel zu spät. Das Gepäck wird erst 35 Minuten nach unserer Ankunft am Flugplatz mit dem LKW angeliefert und uns quasi in einem wilden Haufen vor die Füße geknallt. Die Mitarbeiter von Hurtigruten sind gestresst und extrem unfreundlich. Nur gut, dass wir nicht auf den Rat der Hurtigrutentante gehört haben und unseren Gerätekoffer mit PC und Objektiven aufgegeben haben. Bei einigen Koffern sind Rollen und Handgriffe beschädigt. Das Einchecken und vor allem die Sicherheitskontrolle dauern ewig. Wir fliegen erst mit zwei Stunden Verspätung nach Oslo ab. Dort angekommen, kriegen wir relativ schnell unser Zimmer, wir waren ganz vorn im Flieger, aber keinen Platz mehr im Hotelrestaurant. Gehen also zurück in den Flughafen, nur über die Straße und dort was Essen. Da lob ich mir die Küche auf der Ultramarine und deren freundliches Personal...

 

Exkurs zur Ökologie und Verbreitung der Krabbentaucher weltweit und in Westspitzbergen 

Ihre Populationsgröße wird mit 37 bis maximal 40 Mio. Brutpaaren angegeben. Sie sind damit die am häufigsten verbreitete Brutvogelart in der Arktis. Ihre Vorkommen liegen überwiegend in Nordwest-Grönland, in Ostgrönland, Spitzbergen, Franz-Joseph-Land und vielen weiteren Inseln (Abb. "Fig.2" aus Wojczulanis‑Jakubas et al. 2022). Für Westspitzbergen hat eine mehrjährige Koloniesuche und Zählungen durch Liliana Keslinka und andere (2019, Abb. "Fig.3") eine Summe von ungefähr 730.000 Brutpaaren ergeben. Liliana war als Lektorin auf unserer Reise mit an Bord.  Im Gegensatz zu vielen anderen Seevögeln sind Krabbentaucher reine Planktonfresser. Sie fressen nur millimetergroße Kleinkrebse: Ruderfußkrebse und Leuchtgarnelen, die sie in ihrem "Kropf" (einer Aussackung des Rachenhöhlenbodens) zum Nest mit nur einem Jungen bringen (Kostrzewa 1998). Auf Nachfrage gab Liliana an, dass sie etwa 5g zu ihrem Jungen transportieren können. Literaturquellen geben 2-6% des Körpergewichtes (150-160g) an.  Dies als schleimige Masse, die aus 400-600 Beutestücken von 1-17mm Größe besteht. Sie brüten in stabilen Blockschutthalden, wo sie zwischen den Steinen natürlich ausgebildeten Spalten und "Höhlen" als Nest nutzen. Liliane hat mehrere Jahre Seevögel vom polnischen Forschungsschiff aus in Westspitzbergen gezählt und gibt diese Zahl pro km2 als Hilfsgröße für Nahrungsverfügbarkeit an ("Fig.3"). Man sieht unmittelbar, daß der Eingang des Hornsundes (1), wie auch des Isfjords (3) gute Nahrungsgründe sein müssen. Am Hornsund (1) finden sich auch entsprechende nutzbare Bruthabitate, die große Kolonien ermöglichen. Der Van Mijen Fjord (2) bietet offensichtlich schlechtere Nahrungsbedingungen.

 

Grafik: © die genannten wissenschaftlichen Autoren, Ergänzung, geografische Lage: 1 = Hornsund, 2 = Van Mijen Fjord, 3 = Eisfjord

 

Exkurs zur Ökologie und Verbreitung der Eisbären

Seit 2010 eine grundsätzliche Vereinbarung getroffen wurde, um die Datenaufnahme im Freiland zu standardisieren und auch die 19 Zählgebiete international festgelegt worden waren(IUCN/SSC Polar Bear Specialist Group 2010, linke Grafik) , gibt es gute Schätzungen zur Populationsgröße der Eisbären rund um den Nordpol. Genaue Zählungen sind bei einer mehr oder weniger nomadisch lebenden Meeressäugerspezies eher unmöglich. Zwischen 1993 und 2010 wurden abnehmend zwischen ~25.000 und ~ 23.000 Individuen circumpolar von den Spezialisten aufgrund von Zählungen geschätzt (siehe Tab.1 in Hamilton & Derocher 2018). In den einzelnen Zählgebieten korrelierte die Meereisbedeckung signifikant positiv mit den Eisbärzahlen. Sprich, eine größere Fläche bei der Eisbedeckung bedeutet für die Eisbären mehr Robben (die auf und unter dem Eis leben) und damit bessere Bedingungen zum Überleben. Diese Eisflächen nehmen wegen der Klimaerwärmung aber deutlich ab, am meisten in der Barentssee (BS) rund um Spitzbergen (siehe Grafik Mitte, Stern & Laidre 2016), aber auch rund um den Nordpol (AB, rechte Grafik). In der Barentsee taut das Meereis im Frühjahr im Vergleich mehr als 15 Tage früher auf. Schlecht für die Eisbären, die dann hier nicht mehr jagen können. Aktuelle Bewertungen der circumpolaren Eisbärbestände ergaben 23.315 Individuen (mit einer ziemlich großen Standartabweichung - range: 15.972–31.212). Das bedeutet, daß die Population immer noch stabil scheint (Hamilton & Derocher 2018). Die Besiedlung der riesigen Fläche, die der Untersuchung zugrunde liegt, ist jedoch recht dünn: Die Dichte der 19 Subpopulationen reicht von 0.57 bis 9.30 Bären pro 1.000 km2 (Mittelwert:  2.36 Bären pro 1.000 km2 und einem Median von 1.71 pro 1.000 km2). Bei ungefähr zwei Eisbären auf 1.000 km2 ist die Wahrscheinlichkeit welche zu finden und zu beobachten per se gering. ABER, sie treffen dort zusammen, wo gut Nahrung zu finden ist. Z.B. bei Walkadavern an der Küste, oder eben da, wo viele Robben sind. Wir hatten auf der Eisfahrt vor der Küste von Baffin jetzt im August 2022 an einem Morgen neun Eisbären zu verzeichnen, also genauso viele wie auf der ganzen Spitzbergen Reise hier. Klar ist, wenn kein Eis mehr da ist und die Bären vom Tauen geradezu überholt werden, müssen sie sich notgedrungen anderen Nahrungsquellen zuwenden: sie beuten Vogelkolonien aus. Schneegänse werden in ihren Kolonien getötet, Nester ausgenommen. Auch wird entlang von Vogelfelsen Jagd auf Jungvögel gemacht, etwas, was wir bislang nur von Polarfüchsen kannten. Aber je mehr die Eisbären in die Bredouille kommen, desto häufiger tritt dieses Verhalten auf (Prop et al. 2015). Von der Energieversorgung reicht die Vogeljagd zum dauerhaften Überleben der Eisbären nicht aus, die brauchen das kalorienreiche Robbenfett.

   

Grafik: © die genannten wissenschaftlichen Autoren, Links - die 19 definierten Monitoringflächen, Mitte - wie früh taut das eis im Frühjahr, Rechts = Wo sind die Eisbären am meisten gefährdet?

 

Text und Fotos: © Achim Kostrzewa 2022, Nachdruck und Zitate nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors, widerrechtliche Nutzung wird verfolgt. Derzeit letztes update 10.9.22.

Disclaimer: wir stehen in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu Quark und haben die Reise selbst bezahlt, wie alle Antarktisreisen der letzten 12 Jahre und alle Arktisreisen seit 2019.