Lachy Doley: der Derwisch hinter der Hammond – 2018 Live in Wermelskirchen

Die aktuell die heißeste Blues-Rock Hammond Orgel spielt der Australier Lachy Doley. Er hat alles drauf, was Blues-, Funk- und Rockorganisten Spaß macht

von Achim Kostrzewa*

 

Die Band von links nach rechts: CP am Bass, Jackie Barnes Drums, Lachlan R. Doley Hammond und Clavinet. Über allem thront an der Wand einer der Godfathers‘ des Blues, „Boom Boom“ Jon Lee Hooker. Foto © Achim Kostrzewa

 

Lachy Doley startete seine Europa Tournee in einem kleinen Club im Bergischen Land: In Wermelskirchen mit seinem „Haus Eifgen.“ Das ist nicht gerade der Nabel der Blues Rock Szene, aber seit letztem Jahr betreibt der Verein „KULTin-WK“ mit seinem dynamischen Vorsitzenden Michael Dierks (Hammond und Piano bei OpenBluesBand) die Location und hat schon 2017 80 Veranstaltungstermine auf die Bühne gestellt. Lachy Doley war im September eine davon und hat einen Hammer mäßigen Auftritt mit seiner Lachy Doley Group hingelegt. Ich hab‘s verpasst, bloß weil ich gerade in Grönland Eisberge fotografierte. ABER am 18.Mai 2018, bin ich dabei!

Die aktuell die heißeste Blues-Rock Hammond spielt der Australier Lachy Doley. Er hat alles drauf, was Rockorganisten Spaß macht. Die Lachy Doley Group existiert in verschiedenen Besetzungen seit 2010. Das heutige Programm kommt von seinen 2013, 15 und 17 erschienenen Studio CDs: dem Soloalbum Singer Organ Soul S.O.S., und den Band Aufnahmen Conviction und Lovelight.

Die Band spielt mit kleinem technischen Aufwand: Lachy auf einer von Michael Dierks geliehenen A100 (das technisch baugleiche „Wohnzimmermodell“ der B3/C3) mit klassischem Röhrenleslie 145. Darauf thront sein Hohner Clavinet D6 mit der seltenen, kalifornischen Whammy Vibrato Mechanik, die dem Instrument einen Gitarren ähnlichen Sound verleihen kann. Das läuft über einen kleinen Preamp plus Wah-Wah Pedal in eine Fender Gitarren Combo. Am TAMA Schlagzeug sitzt Jackie Barnes und den Fender Precision Bass bedient Chris Pearson, der sich mit seinem kleinen 300 Watt Ampeg Verstärker auch ohne PA gut durchsetzen kann. Der Sound ist super sauber digital am Laptop von Michael Dierks gemischt. Als Musiker weiß er natürlich worauf es ankommt. Ich bin früh genug zum Soundcheck da und hab ein Stühlchen in der ersten Reihe, keine fünf Meter von Lachys Hammond und bloß drei Meter vom Leslie entfernt. Besser kann es nicht sein. Der Raum fasst 150 Zuhörer und scheint ziemlich voll. 20,- € Eintritt ist für das Gebotene zu billig! Die teilweise von weither angereisten Fans würden sicher auch 30 Euronen bezahlt haben. Allein mein Hotelzimmer kostet über 100…

 

Der Meister explodiert regelmäßig hinter seinen Tasten! Foto © Achim Kostrzewa

 

Hat aber auch seine ruhigen Sekunden mit ausdrucksstarkem Gesang! Nur wenige Organisten singen überhaupt Lead-Stimme: mir fallen da auf Anhieb nur Georgie Fame, Billy Preston und natürlich Steve Winwood oder Gregg Allman ein. Foto © Achim Kostrzewa

 

Neben der Hammond ist das Hohner D6 Clavinet mit Whammy (Castlebar-Vibrato) Mechanik sein zweites Instrument: das spielt er virtuos mit einem Gitarren haften Sound, der konsequent über einen Gitarren Verstärker läuft. Die Vibrato Mechanik ermöglicht das Ziehen von Tönen durch das Verschieben von Saiten genau wie auf einer E-Gitarre. Paradenummern sind das völlig veränderte „Use me“ (Bill Withers) und die Nummer „Killer“. Hier bringt er noch die Orgel mit seiner „dritten Hand“ ins Spiel: mittels zweier vorbereiteter Klebestreifen taped er eine Quart als Power Chord auf der Orgel fest und steuert die Lautstärke über die Zugriegel der Hammond, klasse Trick, hab ich so noch nicht gesehen. Das Clavinet wurde ja schon früh in den 1970er Jahren durch Größen wie Herbie Hancock (damals Keys bei Miles Davis), Stevie Wonder („Superstition“) oder Billy Preston u.v.a. berühmt und war viele Jahre neben den Wurlitzer und Rhodes E-Pianos das wichtigste Klavier ähnliche Tasteninstrument in Jazz und Rock.

 

Er wird oft als „Jimi Hendrix der Tasten“ bezeichnet und läßt das Whammy Clavinet mittels Vibrato und Wah-Wah Pedal klingen wie die Stratocaster bei Voodoo Chile. Foto © Achim Kostrzewa

Nach einer Stunde kommt eine Pause und dann geht es noch fast zwei Stunden inklusive der Zugaben weiter. Irgendwie habe ich nicht mehr alle gespielten Nummern im Kopf: es war einfach ein super Konzert. Es grooved so sehr, daß ich manchmal  sogar das Fotografieren vergessen habe! Die drei haben musikalisch und körperlich alles, aber wirklich alles gegeben. Bass und Drums singen zusätzlich Background und Lachy sich die Seele aus dem schmalen Leib. Die Kommunikation geht auf Blickkontakt, Jackie Barnes ist oft das Powerhouse der Band, er treibt die beiden anderen an. Und als der Orgel der Strom ausgeht – ich sehe das Leslie bleibt stehen, denn der Strom kommt über die Orgel – Lachy hat versehendlich den „Run“ Schalter auf OFF gestellt. Bis Michael Dierks, der den Fehler natürlich sofort gesehen hat, die Orgel wieder starten kann, dauert es gefühlte zwei Minuten, bis der Tonradgenerator der Orgel wieder volle Drehzahl läuft und der Verstärker wieder Leistung bringt. So eine Hammond wird regelrecht elektro-mechanisch „hochgefahren“, wie ein Windows Computer )-:  Solange treiben Bass‘n‘Drums das Publikum an. Da sind Live-Profis am Werk.

 

Bassist CP und Drummer Jackie Barnes haben es voll drauf          Foto © Achim Kostrzewa

Orgel kaputt? Mitten im Konzert? Nein, bloß kein Strom!  Der Schaden ist schnell behoben    Foto © Achim Kostrzewa

Orgel kaputt? Mitten im Konzert? Ja, H5 ist gebrochen. Lachy hatte wohl zu feste draufgehauen und den Schaden nach dem Konzert signiert. Auch die solideste Hammond war ja ursprünglich für Kirchenmusik gebaut und nicht für Rock'n'Roller. Keith Emerson hat einige Tastaturen seiner L100 bei der Nummer "Rondo" gehimmelt... Und wenn die 9 Kontakte darunter heile geblieben sind, ist der Schaden behebbar. Sonst wird es richtig teuer. Foto: privat

 

Unter donnerndem Applaus kitzeln wir drei Zugaben heraus: die Paradenummern aus den australischen Shows sind sehr freie Interpretationen von „Gimme Some Lovin’“ (Steve Winwood, Spencer Davies Group) und „Lazy Onions“, ein Arrangement aus Jon Lords „Lazy“ der einzigen Bluesnummer (von Jahrhundert Album „Machine Head“) die Deep Purle regelmäßig spielte und „Green Onions“(1962) von Booker T. Hier spielt vor allem die Ostinato Basslinie von Booker T. eine wichtige Rolle, sie ist nämlich auch die Melodielinie von „Help Me“ das 1963 von Sonny Boy Williamson darauf getextet wurde und einen Blues Klassiker par excellence darstellt. So gibt es auch eine sinnvolle Kombination von "Green Onions" und "Help me" in Doleys Repertoire. In diesem Amalgamat  scheinen auch schon mal Jon Lord Zitate aus „SpaceTruckin’“, „Highway Star“ oder „Burn“ durch. Lachy übernimmt vieles von der aggressiven Spielweise des frühen Jon Lord, aber es fehlt offensichtlich die klassische Ausbildung, sprich seine wirklich sehr hörenswerten Improvisationen sind meist Rock- oder Blueslinien und -zitate aber gänzlich ohne klassischen (Bach) Einschlag. Seine Spielweise ist sehr dynamisch: das Leslie wird sehr oft zwischen chorale/langsam und tremolo/schnell geschaltet, um vor allem den wunderbaren Anlauf- und Abbremseffekt klanglich zu nutzen. Die Zugriegel werden sehr häufig verstellt, bei manchen Stücken quasi permanent zwischen 16‘ 5 1/3‘ 8‘ ganz raus 4‘ halb und „all out.“ Wah-Wah ähnliche Effekte erzielt Lachy ebenfalls über das ständige hin- und herschieben der 8 + 4“ Drawbars zwischen Null und Acht (16‘ + 5 1/3‘ sind dabei voll draußen). Auch der Schweller wird häufig benutzt. C3 Vibrato scheint immer an. So bekommt man einen Sound zwischen Overdrive und viel Overdrive, selbst auf einer „braven“ A100. Zusammen mit Keyclick und Percussion ergibt sich der richtige „amtliche“ Hammond Rock Sound, den ich so liebe. In der „klassischen“ Blues Musik alter Prägung überwiegt dagegen eher der bravere Gospel legato- oder der eher perkussive Jimmy Smith Sound.

Auf der aktuellen Tournee spielt er die neue, digitale Hammond XK-5 mit einem klassischen 145er Röhrenleslie dahinter. Häufig kommt ein kompaktes 860er Transistorleslie zum Einsatz, dem es ein wenig am Röhrensound mangelt. Viele seiner Auftritte sind ja bereits auf YouTube dokumentiert. Wenn man die Filme aus Australien mit seiner eigenen originalen 1957er C3  mit 145er Röhrenleslie sieht (und für  den richtigen Overdrive gibt es da noch einen „BK Butler Tube Driver“ dazwischen), glaubt man schon Jon Lords Sound seit den Deep Purple Klassikern „In Rock“ oder „Made in Japan“ zu hören. Ein exzellentes Beispiel seiner atemberaubenden Spielweise gibt das Konzert von 2016 „Live at Blues on Broadbeach“ (YouTube, Full Show 1:05:17, auch als CD auf seiner HP erhältlich). Die Nummer, die die Klangmöglichkeiten einer im Overdrive gefahrenen Rockorgel am besten zeigt, ist Two Leslies are better than one, (= das Intro zu Lazy). Die alte C3 + Butler Tube Driver + Röhrenleslie gibt für mich den besten Lachy Doley Hammond Sound: diese Orgel knurrt und röhrt (Hörbeispiel). Die anderen Kombinationen mit digitaler Hammond und echtem Leslie fallen dagegen etwas ab, was aber sicher nur der Kenner bemerkt.

Der Maestro ganz ruhig und konzentriert auf der Probe zwei Stunden vor dem Konzert. Foto © Achim Kostrzewa

 

Vor dem Konzert hatte ich Gelegenheit ein paar Worte mit Lachy Doley zu wechseln: ein relativ stiller, zurückhaltender, schlanker Kerl, (wiegt halb soviel wie seine 140kg Orgel) sympathisch ohne Allüren. Im Gedächtnis ist mir geblieben: „Mir ist es egal, ob ich vor 70 oder 7.000 Leuten spiele, Hauptsache das Publikum hat Spaß, dann haben wir auch Spaß.“ Jau, wir hatten alle viiieel Spaß, denn sobald Lachy hinter Orgel und Clavinet steht, explodiert dieser scheinbar ruhige Mann und wird zum Derwisch an Tasten und Mikrofon, zur absoluten „Rampensau“ im besten Sinne. Kein Wunder, denn einem australischen Interview – dort ist er ein wirklicher Bühnenstar – zufolge hat er zu Beginn seiner Solokarriere überlegt, „was kann ich am besten und was macht mir am meisten Spaß?“ das Ergebnis ist die Lachy Doley Group mit vielen eigenen Kompositionen und vielen Zitaten aus Rock und Blues und Soul und Funk und und und…

 

Michel Dierks beim „Abgesang“ nach dem fulminanten Konzert im „Haus Eifgen“, Wermelskirchen    Foto © Achim Kostrzewa

 

Zu aller Letzt: Schade, daß ich das Birth Control Konzert im Haus Eifgen verpaßt habe! Nicht viele Locations bieten einer dermaßen sauberen Sound, Danke Mr. Dierks!

 

*Wem der Text zu verkopft erscheint, wird hoffentlich durch die Bilder entschädigt :-)

Text und Fotos © Achim Kostrzewa