Arviat – Erfahrungen mit Wetter, dem Eis auf der Hudson Bay und zu wenigen Eisbären

 

Gegen 17:00 Mondaufgang zur blauen Stunde über der großen Leere der Hudson Bay. Es sind bereits unter -25°C.   © Achim Kostrzewa

 

Gilt Churchill als “Polar Bear Capital of the World”, mußte man Arviat als sichere Bank für Fotos auf Augenhöhe ansehen. Unser Camp liegt ideal etwa 50 Meter vom Strand entfernt und bildet einen Flaschenhals für die Eisbären, die von Churchill entlang des Strandes wandern und auf das Eis warten, das ihnen endlich nach langem Hungern Zugang zu den Robben bieten wird. Die Saison in diesem alten Jagdcamp ist knapp sechs Wochen lang. Die erste Woche ist meist noch alles herbstlich gefärbt und die Eisbären traben durch die bunte Tundra. Das wollten wir nicht. Sondern Eisbären im Schnee, aber die Bay durfte noch nicht vereist sein. Also buchten wir die 4.Woche Anfang November als theoretisch aussichtsreichsten Termin.

Unser Camp liegt inmitten des Nichts. Man kann die Küstenlinie dienstags noch ganz gut erkennen. Rechts vom Camp die Bay und links die Tundra mit zahlreichen Seen.  Foto aus der "Otter" © Achim Kostrzewa

 

Camp und Organisation von Arctic Kingdom sind exzellent! Nur das Wetter wird immer weniger vorhersagbar – dem Klimawandel sei‘s gedankt.

Kurzer Reiseablauf:

1.Tag: Flug morgens von FFM und Zürich nach Winnipeg via Toronto, Flughafenhotel.

In Churchill bläst der Sturm den Schnee durch die Landschaft. Keine Sicht im Camp, wir können nicht weiterfliegen.    © Achim Kostrzewa

 

2.Tag: Winnipeg – Churchill, und da bleiben wir erstmal hängen. Der Weiterflug mit der „Otter“ zum Camp bei Arviat ist nicht möglich, wegen mangelnder Sichtbedingungen. Es gibt hier nur eine Tundralandebahn und keinerlei Radar. Es gelten Sichtflugbedingungen, wie meist in der Arktis. Wir müssen den Schneesturm in Churchill aussitzen. Thomas, der lokale Arctic Kingdom Vertreter, fährt uns sieben in einem GMC Bus zu verschiedenen Museen, zum Lunch, zum Kaffeetrinken und schließlich nach dem Dinner in unser B&B. Alles prima soweit.

3.Tag: Während der Nacht läßt der Schneesturm nach und wir können gegen Mittag – mit einem Tag Verspätung – starten. Schöner Flug entlang der westlichen Hudson Bay. Wir landen nach einer Platzrunde sicher direkt neben dem Camp. Es ist lausig kalt, unter minus 20°C plus Windchill. Wir sind schon seit gestern in unsere gemieteten Polaranzüge von „Canada Goose“ verpackt. Stiefel, Latzhose, Parka wiegen etwa acht Kilo. Da wir ja womöglich irgendwo notlanden könnten, muß die Arktisausrüstung einschließlich Mützen und Handschuhen am Mann sein. Der Flieger ist wenig beheizt, bietet gute Sicht für jedermann und ist eng. Die kleinen Klappsitze bieten kaum Platz für uns Michelinmännchen und – mädchen. Das Gepäck fliegt hinten in der Kabine mit.

 

Die Gruppe strahlt um die Wette: wir sind gut angekommen!  © Achim Kostrzewa

 Unser Camp am Ufer der Hudson Bay. Der Windsack kennzeichnet das Gemeinschaftshaus.  © Achim Kostrzewa

 

Das Lager besteht aus drei Wellblechhütten mit vier Doppelzimmern mit Bad. Wir haben die Nummer 1. Unsere Doppelhaushälfte in der Arktis. Prima!

 

 

Na, da kann man es doch ein paar Tage aushalten. Auch das Bad hat so eine Art Wohnmobilstandard und ist okay...

         

Das Bad hat eine gut funktionierende Toilette, die Dusche friert nachts ein. 80 Liter Wasser sind im Tank, das reicht für zwei Personen. Ich beschreibe das hier so ausführlich, weil ich vor der Reise nur wenig dazu im Netz gefunden habe.   © Achim Kostrzewa

 

Gegenüber liegt das Haupthaus mit Küche, Eßzimmer und Lounge. Die Mannschaft: James, Expeditionsleiter, Gideon, Ausflugsleiter, Matt, Chefkoch sowie unsere beiden Iniutjäger Peter und Moses bilden das Team. Wir haben noch den „Polar News“ Reiseleiter und Kollegen Dr.Ruedi  Abbühl (Biologe) an unserer Seite und sind drei Paare: Nicole & Lucas, Eva & Robert aus der Schweiz und wir zwei beiden Rheinländer Renate & Achim. Der Betreuungsschlüssel liegt damit bei 1:1. Besser geht‘s nicht.

 

Unsere Lounge und Beobachtungsposten

  

Hier zaubert Matt sternekochwürdiges Essen! Er hatte früher in Toronto drei Restaurants, jetzt ist er lieber Expeditionskoch. Im Windschatten warten wir auf die Bären...  © Achim Kostrzewa

 

Das Wetter ist gar nicht schlecht, der Koch Klasse (und nebenbei Jazz und Rockfan, immer gute Musik in der Küche). Wir packen aus und ich mache die Ausrüstung klar. Alles was kalt bleiben soll, wie Stativ und die Kameras mit den 70-200 und 200-400mm Telezooms, bleiben nachts im ungeheizten Vorraum unserer Hütte. Tags werden wir viel draußen sein.

 

Wir wandern in die Tundra, keine Bären in Sicht. © Achim Kostrzewa

 

Zunächst gibt es ein Sicherheitsbriefing: Regel 1: Nachts kann man seine Hütte nicht verlassen! Man muß mittels Walkie-Talkie erst der Crew Bescheid geben, daß und warum man raus will. Polarlichter oder Bären am Camp wären so ein Grund. Unser Camp ist zwar durch einen Elektrozaum geschützt, aber ein Bär, der es drauf anlegt, kommt da auch drüber weg oder zerreißt die Drähte. Also muß erst einer der Jäger, bewaffnet mit seinem Jagdrepetierer, den Zaum checken und alle Gebäude umrunden. Dann kommt ein zweiter Mann mit Schreckschußrevolver und einer 12er Pumpgun raus und dann erst dürfen wir…

 

   

Wir werden gut bewacht: Expeditionsleiter James und unser freundlicher Inuitguide Moses sorgen dafür auf unseren Wanderungen.  © Achim Kostrzewa

Mangels bäriger Motive fotografieren wir uns gegenseitig...              © Achim Kostrzewa

 

Doch die erste Nacht bleibt möglicherweise ruhig, weil zunächst total bewölkt.

Regel 2: immer in der Gruppe bleiben.

Regel 3: leise sein, nicht die Bären erschrecken usw.

Regel 4: allen Anweisungen sind sofort Folge zu leisten, aber das ist uns natürlich klar, das ist immer so. Die dusseligen Touris brauchen klare Regeln…

 

      

 Eine Fuchsspur führt zu unserem Camp. Sonnenuntergang über der Hudson Bay   © Achim Kostrzewa

 

16:10-16:30 wir beobachten den spektakulären Sonnenuntergang über der Hudson Bay. Das noch offene Wasser liegt unter einer dicken Wolkendecke. Über der bereits gefrorenen Tundra wird es dagegen klar. Bislang war es minus 17°C gefühlt im Wind -25°C.

Der Abend verläuft ruhig. Ruedi hält einen tollen Vortrag über Eisbären. Wir gehen gegen 22:00 ins Bett. Um 23:30 werden wir rausgeklopft: Polarlichter! Ohne Mond! Wir springen wieder in die schon komplett ausgelegte Kleidung. Ich schnappe mir die vorbereitete Kamera mit dem auf unendlich fixierten Weitwinkel und raus geht es in die eisige Kälte. Wir haben großes Glück, denn der Mond wäre an sich ¾ voll… Die Polarlichter steigern sich langsam. Nach einer knappen Stunde endet die Lightshow. Mache 31 Aufnahmen mit dem vorher eingestellten Weitwinkel.

 

     

Stativ, 18-35mm Zoom, Kamera manuell auf f/4, 10 sec. bei 2000 ASA und schon geht es los. Die exakte horizontale Ausrichtung der Kamera macht man am besten mit dem "virtuellen Horizont", denn im Sucher kann man so gut wie nix sehen. © Achim Kostrzewa

 

4.Tag: Unser Camp heißt „Kugluk Geilini“ und ist ein altes Jagdcamp. Es liegt ca. 30 km südlich vom eigentlichen Ort Arviat (das bedeutet Grönlandwal auf Inuktuk). 7:30 ich fotografiere den Sonnenaufgang, respektive die toll beleuchteten Wolken. Um 9:00 gibt es kräftiges Frühstück. Wir sichten einen Polarfuchs, der zum Camp kommt. Fototime!

 

Sonnenaufgang über der Hudson Bay. Da wo die Wolkenbank liegt, ist noch offenes Wasser.  © Achim Kostrzewa

 

Fototime! Achim, Robert und James sind draußen. Renate guckt aus dem Fenster und macht Handyfotos...   © Renate Kostrzewa

Fotosituation oben: Jetzt lob ich mir die 550mm Brennweite. Der Polarfuchs ist ziemlich flink. © Achim Kostrzewa

Wenigstens die Bilder von den beiden Eisfüchsen können sich sehen lassen! Wunderbares Winterfell.  © Achim Kostrzewa

 

Später Spaziergang ins Inland: die Seen sind hart zugefroren und beschneit, da kann man gut drauf laufen, wir sichten eine Gruppe Schneehühner und machen gegenseitig Fotos.

 

Ein Trupp Schneehühner: Auf den Wanderungen hab ich nur max. 280mm (70-200 + TC14) zur Verfügung. © Achim Kostrzewa

 

Mittagessen, sehr gut!

Peter oder Moses hängen immer am Spektiv und blicken in südliche Richtung. Hier erwarten wir die Bären! Lukas lobt als Ansporn ein Original Schweizer Offiziersmesser aus, für den, der den ersten Eisbären meldet. Zwei Polarfüchse und der Marder sind derzeit unsere einzigen Fotomodelle.

Am Spätnachmittag wieder Wanderung, diesmal etwas mehr südlich. Leider können wir nicht Richtung Eiskante: In der Bay herrschen maximal 2,2 Meter Tidenhub. So bricht das Eis immer wieder an den bei Ebbe aus dem Wasser ragenden Felsen. Für uns ist das Eis also nicht begehbar. Für die Eisbären leider schon.

Abends Vorträge und Videos.

 

 

Der Marder rumort nachts unter unserer Hütte, das wir schon denken die Nachbarn räumen die Möbel um! Mit Skibrille (Eva & Nicole) beschlagen einem die Gläser nicht, aber man kann auch nix in der Kamera oder dem Fernglas sehen. So wechseln wir immer wieder zwischen Sonnen- und normaler Brille.   © Achim Kostrzewa

 

5.+ 6. Tag: Gleiches Schema, abends kaum Polarlicht, der Himmel ist von Cirren überzogen. Morgens und nachmittags Wanderung. Es wird immer kälter: eine Nacht erreichen wir minus 41°C. Der Abfluß der Dusche ist eingefroren. In der Duschtasse hat sich eine Eisschicht gebildet! Katzenwäsche ist angesagt. Immerhin kann man noch warmes Wasser machen. Die Jungs sind bemüht den Frost zu beseitigen, aber irgendwie ist die Dusche eine Fehlkonstruktion bei diesen tiefen Temperaturen… Da kann man nix machen. Wenigstens funktionieren die Heizung und das WC einwandfrei. Um das Bad mitzuheizen brauchen wir bei offenen Türen 18°C Raumtemperatur. Das ist okay, aber normalerweise schlafen wir zu Hause bei 15-16°C.

Erstmal wieder keine Bären! Die nachfolgende Truppe eines kanadischen Tierfotografen hat in der Ausschreibung des Fotokurses 6-8 Bären täglich versprochen bekommen. Irgendwas ist anders geworden. Der Kälteeinbruch und der Wind veranlassen die Bären wohl Pause mit der Wanderung zu machen oder gleich so weit wie möglich auf das Eis hinaus zu gehen.

Freitag Mittag: Endlich ein Bär! Wir lassen das Essen stehen und haben noch Zeit uns in die ganz warmen Klamotten zu werfen. Ein großes Männchen. Er ist weit weg, passiert unser Camp in sicherlich 300 Metern Abstand und zeigt auch keine Motivation mal gucken zu kommen. Er ist ziemlich groß, aber auch ziemlich dünn, man sieht seine Rippen durch das lose hängende Fell. Wir haben die Kameras aufgebaut und hoffen, dass die Luftperspektive (das Flimmern) die Bilder nicht unbrauchbar macht. Meine maximale Brennweite ist mit 550mm für „Vollformat“ auch nicht gerade üppig. Wir hatten ja mit wesentlich näheren Begegnungen gerechnet. Daher fiel meine Wahl auf das Zoom 4/200-400 VR. So wird es ein „Eisbär in der Landschaft“, aber immerhin ist er scharf. Und das war‘s dann auch schon, eisbärmäßig. Leider! Das ebenfalls bereit gemachte 70-200 kommt gar nicht zum Einsatz, da würde man den Bären kaum noch erkennen können.

 

Das ist er unser einziger Eisbär!   © Achim Kostrzewa

Renate und ich haben extra große Parkas gewählt, da passen einige Schichten drunter!

    

Wir sind solange draußen wie es die Kälte zuläßt.    Ruedi dreht einen professionellen Film über unsere Reise und wir sind - mangels Eisbären - die Hauptdarsteller...   Fotos © oben Ruedi Abbühl, unten Renate Kostrzewa und Achim Kostrzewa

 

Es ist noch nicht klar, ob wir samstags wegkommen. Es soll wieder Schneesturm geben. Uns wäre das recht wegen des vorne verlorenen Tages hinten ein oder zwei dranzuhängen! Mehr Tage, mehr Chancen. An unserem „verlorenen“ Tag hat die andere Gruppe nämlich morgens noch einen Bären nahe beim Camp gesehen.

 

  

Früh morgens war ein junger Bär am Zaun, Peter hat das beobachtet. Bevor er uns wecken konnte, hat der Bär mit der Nase den Zaun berührt und mächtig eine gewischt bekommen. Total erschrocken trabte er Richtung Norden. Rechts Spuren eines Schneehasen.  © Achim Kostrzewa

 

Unsere Schweizer Kollegen müssen alle wieder ab Dienstag arbeiten und überlegen deshalb sogar etwas frustriert schon Freitag zu fliegen. Das kommt aber nicht zustande, der Wetterbericht wird besser, der Schnee in Churchill soll wieder nachlassen am Samstag… Schon am Donnerstag kommt ein Versorgungsflug mit zwei Benzinfässern für den Generator und sieben großen Propantanks, frisch gewaschener Wäsche und Obst und Gemüse. Wirklich alles muß eingeflogen werden.

 

Luftaufnahme aus der Otter: die Bay friert immer weiter zu!  © Achim Kostrzewa

 

Doch, es klappt, wir fliegen samstags um 11:15 los. Entlang des vereisten Ufers der Hudson Bay. Das Eis ist enorm gewachsen, aber noch nicht homogen zugefroren. Abends fliegen wir zurück nach Winnipeg und sind gegen 21:00 im Hotel und fallen – nach ausgiebiger Dusche – ins Bett.

Fazit: Der harsche Wintereinbruch hat unsere Bärensichtungen stark negativ beeinflußt. Zu viel Wind, Kälte und Eis ließen den Bären zuviel Spielraum sich an unserem Camp ungesehen vorbeizumogeln. So denn welche da waren. Vielleicht haben sie die stürmischen Tage auch in Deckung verbracht. Arctic Kingdom gibt schlauerweise keine Garantien und man kann der Firma nur bescheinigen, daß sie gute Leute haben, das Camp bestens durchorganisiert ist. Die deHaviland „Otter“ eine hervorragende Maschine ist, die überall, wo harte Bedingungen im Norden sind, zum Einsatz kommt. Und wir einfach Pech mit dem Wetter hatten. Die Gruppe vor uns hat immerhin vier Bären gesehen. Jetzt hoffen wir auf Spitzbergen nächsten Sommer.

Text und Fotos © Achim Kostrzewa (32), weitere Fotos © Renate Kostrzewa (2) und Ruedi Abbühl (1)